Wie ich den Kampf um die Liebe meiner Mutter aufgegeben habe

Ein Artikel von Gastbloggerin Quintilia

Habe ich ein „inneres Kind“?

Die Debatte um das „innere Kind“ scheint in aller Munde zu sein – besonders bei all denjenigen, welche die aktuellen Probleme ihres Erwachsenenalters zurückführen auf eine Kindheit, die sie in irgendeinem Maße als problematisch empfanden. Kein Wunder also, dass Stephanie Stahls Buch „Das innere Kind muss Heimat finden“ ein Dauerseller ist.

Wenn wir nur dieses „innere Kind“ heilen, dann können wir uns problemlos auch abwenden von den negativen Erfahrungen in unserer frühen Biographie, alte Glaubenssätze auflösen, früh erlernte und lang gebrauchte Verhaltensmuster endlich abstreifen und schließlich frei von alledem glücklich werden?

Nun, ich weiß es nicht. Bis zu Stephanie Stahls Buch bin ich noch nicht vorgedrungen. Ich stecke noch fest bei den ersten Kapiteln des Klassikers „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ von Erika J. Chopich und Margaret Paul (Ullstein Verlag, 1993).
Es geht zäh, weil ich mich irgendwie sehr schwer tue mit diesem „inneren Kind“. Nicht, dass ich mich nicht an das Kind erinnern würde, dass ich einmal war und dessen Gefühle. Ich habe durchaus erkannt, dass mich meine Kindheitserfahrungen geprägt haben und mir diese Erfahrungen bis heute oft nicht zuträglich sind.

Ich tue mich schwer mit dem Gedanken, das innere Kind ist noch da – als kleinere, jüngere Ausgabe meines eigenen Ichs und ich müsste permanent mit ihm kommunizieren, mich ihm liebevoll zuwenden, es trösten, ja gar mit ihm spielen etc. Vielleicht ist mir das einfach irgendwie zu … – hm … wie ausdrücken…. – esoterisch, zu spirituell.

Trotzdem werde ich weiter lesen und gerne zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal berichten, ob ich mich mit diesem Inneren-Kind-Gedanken noch anfreunden konnte.

„Sie sind kein Kind mehr!“

Ein viel größeres Aha-Erlebnis hat da meine „therapeutische Fachfrau“ in mir ausgelöst:
Vor einigen Jahren kam ich zu ihr, in Tränen aufgelöst, weil der „Kampf“ zwischen mir und meiner inzwischen an Demenz erkrankten Mutter wieder einmal besonders heftig gewesen war.

Nach langer, schwerer Krankheit war meine Mutter nach vielen Wochen wieder zurück im eigenen Heim, in ihrer Wohnung im gemeinsamen Haus. Während der Zeit im Krankenhaus und der Reha hatte sie zugelassen, dass ich mich „aufopfernd um sie kümmerte“. Zu sehr verwirrte sie in dieser Zeit ihr eigener Zustand durch die plötzlich eingetretene Demenz, die durch eine Hirnentzündung ausgelöst worden war. Es war vermutlich eine der „liebevollsten“ Zeiten, die es jemals zwischen uns gegeben hatte.

Doch dann kam sie nach Hause zurück und war charakterlich nicht nur die Alte, sondern (nicht zuletzt durch die Demenz und die damit eingetretenen Depressionen) eine schlimmere Version von sich selbst als sie jemals war. Vorbei waren die wenigen Wochen, in denen sie dankbar Hilfe angenommen hatte und mich „ans Ruder“ ließ. Nun wähnte sie nicht nur das Ruder über ihr eigenes Leben wieder völlig zurück in ihrer eigenen Hand, sondern auch das über das meinige. Unmöglich – schon allein durch die Demenz!

Ihrer unglaublichen Aggressivität, Uneinsichtigkeit und Sturheit geschuldet gab es unfassbare „Rangordnungskämpfe“, denen ich völlig hilflos und überfordert gegenüber stand! Diese Kämpfe hatte ich ja Zeit meines Lebens verloren, ja, meistens sogar überhaupt nicht wirklich in Angriff genommen. Aber nun konnte ich sie nicht mehr vermeiden: Man kann ja schlecht eine über 80-Jährige am Ruder lassen, die nicht mehr wirklich im Vollbegriff ihrer geistigen Kräfte ist und dadurch mitunter nicht nur sich in (Lebens-)Gefahr bringt! Aber was für eine Schlacht!

Also erschien ich, von Heulkrämpfen geschüttelt und am Ende meiner psychischen Kräfte bei der Fachfrau und klagte mein Leid!

„Alles was ich mache, ist falsch!“, heulte ich. „Ich kann Mutter einfach nichts recht machen!“

„Was für ein Glück!“, entgegnete meine Therapeutin gewohnt gelassen. „Nun können Sie endlich nach Herzenslust ganz entspannt und sehr bewusst tun und lassen, was SIE für richtig halten. Denn es ist genauso wie sie es sagen: So oder so – in den Augen ihrer Mutter war es immer falsch und wird es immer falsch bleiben!“

Ich muss nicht mehr kämpfen – nicht bei meiner Mutter …

Ja, darauf hätte man selber kommen können, oder etwa nicht?! Doch, hätte man! Ist man aber nicht – warum auch immer!

Ich BIN kein Kind mehr, ich bin jetzt erwachsen. JETZT bin ich längst nicht mehr auf die Liebe, die Anerkennung, die Wertschätzung meiner Mutter angewiesen!

Das Kind von damals (das „innere Kind“?) hätte all das dringend gebraucht. Doch dieses Kind gibt es nicht mehr.

Es ist zu spät! Die Geschichte des Kindes von damals ist zu Ende geschrieben, ist Vergangenheit, lässt sich nicht mehr rückgängig machen und auch nicht mehr wiederholen.

Das ist traurig – aber nicht zu ändern!

Doch es ist auch unglaublich erlösend und befreiend:
Ich muss nicht mehr um die Liebe, die Anerkennung, die Wertschätzung, den Respekt … meiner Mutter kämpfen. Ich kann tun und lassen, was ICH für richtig halte.

Übrigens hat sich das Verhalten meiner Mutter mir gegenüber SEHR schnell geändert, als ich diesen Kampf aufgegeben habe, dieses Ziel losgelassen habe: „Los, lieb mich endlich! Sieh endlich, was für eine tolle, liebevolle, aufopfernde Tochter du hast!“

Ich konnte durch dieses Loslassen emotional aus Distanz gehen. Die innere Not ließ nach. Nicht von heute auf morgen, doch jeden Tag ein Stück mehr.

… und auch nicht bei anderen!

Nun muss ich nur noch festigen, dass sich das „innere Kind“ in mir (ui, da ist es schon wieder!?) diese fehlende Liebe, Wertschätzung, Anerkennung auch nicht bei irgendwelchen anderen Menschen zu holen versucht! Schlimmstenfalls wieder in dysfunktionalen, toxischen Beziehungen?!

Denn das ist der Fehler, denn meiner Meinung nach nicht wenige Menschen machen:

Sie suchen das, was sie eigentlich ihr Leben lang vermisst haben, nämlich echte Liebe, Anerkennung, Wertschätzung … schlichtweg am falschen Platz!

Manchmal habe ich sogar den Eindruck, sie sind sich dieser emotionalen Bedürfnisse bzw. dieser „leeren Eimer“ in ihren Sellen nicht annähernd bewusst bzw. verdrängen sie und versuchen vergeblich, sie anderweitig zu füllen.

Für mich: Nein, danke!

Jeder von uns hatte immer schon Wert – den mussten und konnten uns unsere Eltern nicht geben, den muss und kann uns gar niemand geben. Den haben wir! Einfach so! Serienmäßig sozusagen. Wir müssen nur fest daran glauben! Und somit kann ihn uns auch keiner nehmen. Nicht unsere Eltern – niemand sonst!

Und da dieses verflixte „innere Kind“ nun doch schon wieder in meinem Bewusstsein auftaucht, werde ich da mal das eine oder andere liebevolle Wort mit ihm wechseln, so nach dem Motto:

„Liebes, du bist nicht abhängig von der Liebe, der Wertschätzung und der Anerkennung anderer Menschen! Du bist wertvoll! Du hast es nicht nötig, um all diese Dinge zu kämpfen! Du hast sie verdient, du setzt sie ab sofort voraus. Du weißt um deinen Wert! Du stellst ihn nicht in Frage und vor allem lässt du ihn von niemandem sonst in Frage stellen! Menschen, die deinen Wert nicht schätzen, die dich nicht respektieren, haben NICHTS in deinem Leben verloren!“

Ja, ich glaube, das mache ich. Das drucke ich mir aus und sage es – wenn vielleicht nicht diesem inneren Kind, dann doch jeden Morgen meinem Spiegelbild!

Und das Buch wird fertig gelesen – ganz fest versprochen!

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Bis bald
Eure Quintilia

Foto: pixabay.com

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