Wenn Männer zu Opfern von Narzissten werden

Vielleicht mache ich mich mit meinem heutigen Thema bei meinem eigenen Geschlecht etwas unbeliebt, aber das muss jetzt einfach mal raus. Wenn von Tätern und Opfern die Rede ist, so ordnet man automatisch den Mann als Täter ein und sieht die Frau als Opfer. Das liegt wohl nicht nur am herrschenden Gesellschaftsbild und an der historischen Entwicklung von Frauen- und Männerrollen in Beziehungen, sondern auch an den körperlichen Unterschieden. Ich befasse mich jetzt wirklich lange genug mit dem Thema Narzissmus und all seinen Randthemen, um sagen zu können: Es gibt auch männliche Opfer von Narzissten. Und davon jede Menge. Leider haben männliche Narzissmusopfer es ungleich schwerer als weibliche Opfer. Ein Thema, über das man wirklich mal sprechen sollte, denn größtenteils spreche ich natürlich mit weiblichen Opfern und erfahre immer wieder Schicksale, die mir die Tränen in die Augen treiben. Aber bitte … wenn wir über Narzissmus reden, lasst uns die Männer nicht vergessen.

Gewaltopfer Mann

In unserer Gesellschaft gelten Männer immer noch als Macher. Männer müssen stark sein, Verantwortung übernehmen, Probleme lösen können, Versorger sein. Frauen dürfen ruhig mal schwach sein, und es wird als völlig normal angesehen, dass sie eine Schulter zum Anlehnen brauchen. Zwei starke Arme, in denen sie sich auch mal vor der Welt verstecken können. Ich will an dieser Stelle gar nicht über die Wichtigkeit der Gleichberechtigung sprechen, und natürlich bin ich dankbar, in einem Land leben zu können, in dem uns Frauen alle Wege offenstehen. Ich will nur darauf hinweisen, dass das zu Entwicklungen geführt hat, die auch immer mehr männliche Opfer von weiblicher Gewalt produzieren. Ein Tabuthema, über das eigentlich niemand so richtig sprechen will. Am schwersten fällt das übrigens den betroffenen Männern selbst. Wird man als Frau Opfer psychischer oder körperlicher Gewalt, hat man es schwer und mir sind da schon die tragischsten Lebensgeschichten begegnet. Aber mir sind auch jede Menge Männer begegnet, die übelste Gewalt erfahren haben – psychisch und sogar körperlich. Ihr Problem: Man glaubt ihnen nur schwer oder überhaupt nicht. Übrigens, je größer und muskulöser ein Mann ist, umso schneller wird er als der eigentliche Täter gesehen.

Selbst schuld, wenn du die Frau nicht im Griff hast

Verdammte Macho-Sprüche. Reste aus der Steinzeit, die aber immer noch in vielen Köpfen vorherrschen. In der Macho-Welt hat ein Mann seine Frau im Griff. Wenn die sich aufführt wie eine frustrierte Hexe, dann ist sie auch frustriert. Dann macht MANN was verkehrt. Und dann reichen die Tipps anderer Männer (denen Gewalt durch die Partnerin wahrscheinlich fremd ist) von „Bring ihr mal Manieren bei“ über „Du bist halt so ein Trottel, der alles mit sich machen lässt“ bis hin zu „Die muss nur mal ordentlich (dann kommt das böse Wort mit „f“) werden“. Wie reagieren Frauen darauf, wenn ein Mann ihnen von Gewalterfahrung mit einer Partnerin erzählt? Da sollten wir Frauen dann auch mal näher hinschauen. Sehr viele Frauen ziehen sich zurück, weil sie misstrauisch werden. Da sitzt ein großer, starker Kerl, hat Tränen in den Augen und erzählt, dass er misshandelt wurde – oder wird. Kann man das glauben? Versucht der Typ nicht gerade, sich als Opfer darzustellen? Da stimmt doch was nicht … Und selbst wenn der Mann glaubwürdig scheint, so ein Weichei … Fazit: Misshandelte Männer ernten Misstrauen, Abwertung, Desinteresse. Nicht nur aus den eigenen Reihen, sondern auch von uns Frauen.

Männliche Opfer von Narzissten sprechen nicht gerne darüber

Warum? Weil sie fast augenblicklich Verurteilung und Abwertung erfahren. Wir Frauen dürfen Gefühle zeigen und wir dürfen über unsere Gefühle sprechen. Sich als weibliches Opfer mit anderen weiblichen Opfern auszutauschen – das ist einfach. Wir dürfen das, wir wollen das auch (größtenteils). Und ich teile jetzt einfach mal mit, was ich in meiner Arbeit (im virtuellen Bereich) in verschiedenen Gruppen beobachtet habe, übrigens auch an mir selbst. Männer, die einer Gruppe beitreten wollen, in der sie sich über das, was ihnen widerfahren ist, austauschen können, werden viel misstrauischer beäugt als Frauen, die der Gruppe beitreten wollen. Sie könnten ja Täter sein, die sich als Opfer darstellen wollen. Sie könnten gezielt unter den Frauen, die Gewalt erfahren haben, nach einem nächsten Opfer suchen. Und wenn sie die Hürde schaffen und Teil einer Gruppe sind, verhalten sie sich meist als stille Mitleser und haben es verdammt schwer, sich zu öffnen. Warum? Weil alles sofort hinterfragt wird. Der Männeranteil in solchen Gruppen ist ohnehin verschwindend gering, denn der wahre Mann macht das ja schließlich mit sich selbst aus. Fazit: Zerstörte Seelen und zerstörte Existenzen. Stille Mitleser, die verzweifelt versuchen, Auswege aus ihrer psychischen Misere zu finden.

Toxische Frauen …

… sind die Pest. Genau wie toxische Männer. Da ist kein Unterschied. Und das muss mal irgendwann in den Köpfen ankommen. Frauen sind nicht automatisch die Opfer, und Männer sind nicht automatisch die Täter. Der Mann von heute, der eine wirklich liebevolle Beziehung anstrebt, verhält sich freundlich und kompromissbereit, übernimmt Aufgaben im Haushalt, steht voll hinter seiner Partnerin und unterstützt sie in ihrer Entwicklung. Klingt sehr nach „perfect world“ und weibliche Opfer männlicher Gewalt werden jetzt sagen: „So ein Blödsinn, die tun alle so als ob, aber am Ende sind die doch ganz anders …“

Stimmt nicht. Ich kenne viele solcher Männer. Als ich an meinem Buch gearbeitet habe, hatte ich die Gelegenheit, mit Männern zu sprechen, die emotionale oder sogar körperliche Misshandlung durch eine ehemalige Partnerin erleben mussten. Meine männlichen Gesprächspartner waren nicht weniger verzweifelt als die weiblichen Opfer von Gewalt. Ich habe Männer in Gesprächen erlebt, die erst mal stundenlang haltlos geweint haben, bevor sie in der Lage waren zu sprechen und zu erzählen, was ihnen widerfahren ist. Und ich habe sehr oft in den Gesprächen eine Aussage wie diese gehört: „Mir glaubt das keiner, ich bin so groß und eigentlich so ein durchsetzungsfähiger und auch kräftiger Typ – und da soll ich drüber reden, dass meine Freundin auf mich losgegangen ist? Mich zudem jahrelang emotional misshandelt hat?“

Wie Frauen auch, müssen misshandelte Männer von einer verständnislosen Umwelt sehr oft hören: „Warum bist du nicht einfach gegangen? Warum hast du dir das so lange gefallen lassen?“ Die Antworten auf diese Fragen unterscheiden sich übrigens nicht. Fast immer höre ich: „Ich fühlte mich so hilflos. Ich dachte, mir glaubt keiner.“ Das sagen Frauen und das sagen auch Männer. Bei Gewalt geht es nicht um ein Geschlecht, sondern um Gewalt. Punkt.

Weiblicher Narzissmus …

… ist nicht besser als männlicher Narzissmus. Nur die Methoden sind oft eher typisch weiblich oder typisch männlich. Weibliche Narzissten „arbeiten“ mit dem, was die Natur ihnen mitgegeben hat und mit dem, was die jahrtausendelange Entwicklung der Geschlechter ihnen ermöglicht und gestattet hat. „Narzissen“ inszenieren die fürchterlichsten Dramen und machen ihre Partner einfach verrückt. Sie sorgen dafür, dass sich das ganze Denken und Handeln des Partners nur noch um sie und ihre (angeblich zu erfüllenden) Bedürfnisse dreht. Sie empfinden keinerlei Mitgefühl für einen Partner, der sich kaputt und ausgelaugt fühlt und hauen genau in solchen Phasen noch verbal drauf. Sie erpressen emotional. Sie zeigen nach außen ein freundliches Gesicht. Die hasserfüllte Maske sieht nur der Partner. Weibliche Narzissten beherrschen den süß-unschuldigen Augenaufschlag und schaffen es, nicht nur ihrem Partner klarzumachen, dass mit ihm etwas nicht stimmt, sondern auch dem gesamten sozialen Umfeld. „Narzissen“ sind Weltmeister der Manipulation, sie erzeugen Schuldgefühle, verdrehen die Realität, um vom eigentlichen Thema abzulenken. Nicht wenige gehen sogar auf ihren Partner los und schlagen zu. Männer, die gelernt haben, dass man eine Frau nicht schlägt, schlagen dann natürlich auch nicht zurück. Sie versuchen sich zu schützen und werden dann als Weichei beschimpft. Sie verlassen die Wohnung, weil sie es nicht mehr aushalten und die Narzisse nutzt die Gunst der Stunde, um dem gesamten Umfeld zu versichern, dass der Mistkerl gerade so was wie „Silent Treatment“ praktiziert und mit „ich verlasse dich“ gedroht hat, obwohl er sich eigentlich nur der Situation entziehen wollte. Narzissen scheuen auch nicht davor zurück, mal schnell mit dem Kopf oder dem Oberarm gegen den Türrahmen zu laufen, um hinterher zu behaupten, der Mistkerl hat sie verprügelt. Männliche Opfer von Narzissmus verzweifeln genauso wie weibliche Opfer. Sie bekommen Schuldgefühle eingeredet, ihr Selbstwertgefühl wird massiv untergraben und zerstört, ihre Wahrnehmung wird verdreht. „Narzissen“ sind überdies extrem rachsüchtig. Wenn sie von der narzisstischen Wut überrollt werden, schrecken sie vor nichts zurück und zerstören eine Existenz ohne mit der Wimper zu zucken.

Und weil Männer nicht drüber reden können, weil es ja keiner versteht (das ist ja sogar für Frauen schon verdammt schwer), saufen viele betroffene Männer sich lieber in den Schlaf, als an irgendeiner Stelle zugeben zu müssen: Ich wurde fertig gemacht, so fertig, dass ich einfach nicht mehr kann. Männer müssen nämlich immer stark sein, auch wenn die Frau von heute behauptet, sie dürften auch mal schwach sein. Eigentlich dürfen sie das nicht und das bekommen sie verdeutlicht, sobald sie Anzeichen von Schwäche zeigen.

Was will sie uns eigentlich sagen?

Das wirst du dich möglicherweise fragen, wenn du eine Frau bist und diesen Artikel hier liest. Und vielleicht fragst du dich jetzt sogar, ob ich als Frau zur Verräterin an meinem eigenen Geschlecht werde. Nein, das werde ich nicht. Dafür habe ich tagtäglich mit viel zu vielen betroffenen Frauen zu tun. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass auch Männer sehr häufig Opfer von häuslicher – meist psychischer – Gewalt werden,  und wenn man sich mit dem Thema Narzissmus intensiv beschäftigt, sollte man auch ruhig davon ausgehen, dass nicht nur Männer die Täter sind, Männer aber genauso hilflose Opfer werden können wie betroffene Frauen. Ich bin ich froh über jeden Mann, der den Mut aufbringt, überhaupt zu erzählen, was ihm widerfahren ist. Es tun leider nur wenige. Und die, die es tun oder schon getan haben, sind alles andere als Weicheier. Es sind nette Männer, die sich eingestehen, nicht fehlerfrei zu sein, die aber auch Jahre später noch schwer mit den psychischen Folgen einer solchen Beziehung zu tun haben. Ich möchte gerne erreichen, dass diese Männer gehört und verstanden werden.

Bild: pixabay.com

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