Von Dirty John und anderen Psychopathen

Narzissmus und Psychopathie goes Netflix … erscheint es uns nur so, weil der Blick inzwischen für die Thematik geschärft ist? Oder ist es Zufall, dass im Moment brandaktuelle Serien auftauchen, durch welche  Zuschauer sich Einblick in diese Themen verschaffen können? Mit den Serien „Dirty John“ und „You – du wirst mich lieben“ zeigt Netflix Psychopathen, Soziopathen und damit auch das Thema Narzissmus und greift damit wohl den Ball auf, der nicht mehr zu übersehen ist. Denn die Stimmen der Opfer häufen sich und werden lauter. Das ist gut so, denn es kann gar nicht genug Aufklärung geben. 

Bücher, Blogs und mehr

Betroffene, die verstanden haben, mit was für einer Störung sie zu tun hatten, möchten nicht ungehört bleiben. Sie schreiben Blogs. Sie schreiben Bücher. Sie produzieren Youtube-Videos. Betroffene bleiben immer betroffen, daher ist der Begriff „ehemalige Betroffene“, den auch ich für mich schon verwendet habe, eigentlich gar nicht korrekt. Wir haben all diese Dinge erlebt, wurden benutzt, ausgenutzt, ruiniert, krank gemacht, und ja, davon haben wir was für den Rest unseres Lebens. Natürlich gelingt es vielen, wieder zu sich zu finden, gesund zu werden, viele können sogar irgendwann wieder eine Beziehung eingehen und achten darin dann auf Augenhöhe und von Anfang an darauf, keine „Red Flags“ zu übersehen. Denn es gibt immer Anzeichen, es gibt immer Gemeinsamkeiten, es gibt immer so was wie einen roten Faden, der sich lehrbuchmäßig und unter Berücksichtigung individueller Begebenheiten von Anfang bis Ende einer Beziehung durchzieht. Und sogar nach dem Ende einer Beziehung verhalten Menschen mit Cluster B Störungen sich noch typisch und vorhersehbar. Der eine mehr, der andere weniger. Das Thema beschäftigt die Menschen und das ist gut so: Nur durch Information und Austausch können Betroffene für ihre eigene Heilung sorgen und lernen, solche kranke Persönlichkeiten nie wieder in ihr Leben zu lassen. Betroffene sind traumatisiert. Und es werden immer mehr, was möglicherweise auch daran liegt, dass die Informationstiefe sich verändert hat und sie sich deswegen heute eher wagen, darüber zu sprechen als noch vor 20 Jahren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Themen auch nachhaltig beim Film ankommen. Und mal ganz ehrlich, der pure Narzissmus, lassen wir mal die Psychopathie und Soziopathie außen vor, hat uns auch nicht selten bereits köstlich amüsiert. Oder wie war das mit den „Desperate Housewives“ oder „ Two and a half man“, um nur 2 Serien zu nennen, die zwar schon älter sind, aber eine große Fangemeinde haben – immer noch. Amüsieren konnte uns das deswegen, weil hier narzisstische Techniken gezeigt wurden, die Personen aber dennoch liebenswert waren und niemandem schaden wollten. Ganz im Gegensatz zu „Gone Girl“, einem Film, in dem man sich mal ein Bild darüber machen kann, zu welchen Mitteln Psychopathen (die immer auch narzisstisch sind!) greifen, um ihre Ziele zu verwirklichen. In diesem Film läuft es aber mal anders herum: Der Täter ist hier die Frau.

Dirty John – ein Psychopath wie aus dem Lehrbuch

Er sieht gut aus, zeigt sich charmant und gleichzeitig lässig: John Meehan taucht zu seinem ersten Date mit Debra im Freizeitlook auf. Und Debra wundert sich zwar erst mal über das Outfit, das nun irgendwie so gar nicht dem Anlass entspricht, aber – sie verbringt mit John Meehan einen sehr amüsanten Abend, der viel lustiger und interessanter verläuft als bei all ihren vorherigen und völlig misslungenen Dates. Ziemlich gutgläubig nimmt sie ihn nach dem für sie so schönen Abend sogar mit nach Hause. Nur auf einen Absacker. John versteht das völlig falsch und während sie Drinks mixt, sucht er ungefragt das Schlafzimmer auf und lässt sich in ihrem tollen Bett nieder. Debra, das perfekte Opfer: Selfmade-Millionärin, erfolgreiche Geschäftsfrau, Mutter von erwachsenen Kindern hat schon mehrere gescheiterte Ehen hinter sich, so einige Familienkatastrophen und sie ist durch und durch bedürftig: Sie sehnt sich nach Liebe, nach einer intakten Beziehung. Sie hat die fünfzig längst überschritten und fühlt sich einsam. Und trotzdem ist sie geschockt von John, der sich da wollüstig auf ihrem Bett räkelt – sie schickt ihn weg. 

Er ärgert sich über sich selbst, hat er doch die Signale falsch gedeutet. Der Zuschauer darf sowohl Debra als auch John gründlich beobachten. John ruft sie noch einmal an, jammert ein bisschen herum („Da treffe ich endlich die perfekte Frau und dann versaue ich es!“) und schon hat er sie wieder rumgekriegt, denn letztlich: Sie fand ihn ja toll.

Es läuft so wie es immer läuft: Alles geht total schnell. John ist angeblich Arzt. Ebenso angeblich muss er horrende Unterhaltszahlungen an seine Exfrau leisten, die ihm die gemeinsamen Kinder vorenthält. Aber das ist ja alles nicht schlimm, denn Debra hat genug Geld für ein schickes Haus, eine tolle Einrichtung, Urlaube und Luxusautos. Sie hat nun mal ihren Standard und lässt ihn ganz selbstverständlich daran teilhaben. Trotz ihrer vorherigen gescheiterten Ehen und all dem Geld, das sie dadurch verloren hat, hat sie sich leider ihre Gutgläubigkeit bewahrt: Sie heiratet John schon nach wenigen Wochen, kauft ein Haus, überlässt ihm ihre Autos nach Lust und Laune, es gibt ein gemeinsames Konto, auf dem eigentlich nur ihr Geld ist, denn er hat ja keines, das nimmt ihm ja angeblich die Exfrau.

Im Verlauf dieser Ehe kommt es immer wieder zu Momenten, in denen Debra sich innerlich schüttelt und verunsichert ist. Eine Lüge nach der anderen kommt heraus, ob es nun um sein Berufsleben oder seine Beziehungsvergangenheit geht. Nicht über alles will er sprechen, aber für alles findet er Ausreden und schafft es in jedem Gespräch, die Opferhaltung einzunehmen. Und damit schafft er es auch immer wieder, Debra von sich einzunehmen – und noch intensiveren Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Er kümmert sich ja auch so liebevoll um sie: Stellt er ihr doch jeden Morgen einen anderen Smoothie hin, mit angeblicher Liebe selbst gemixt, es soll ihr ja gut gehen. Man sieht sie lächeln. So toll hat sich doch noch niemand um sie gekümmert, abgesehen davon, dass sie offenbar mit ihm ein tolles Sexleben verbindet.

Im Verlauf dieser Ehe sieht der Zuschauer auch immer wieder Sequenzen um John Meehan, aus seiner Kindheit, wie er bei seinem kriminellen Vater aufwuchs und für seine psychopathischen Auswüchse gelobt und gehätschelt wurde, während die Schwester für ihre Ehrlichkeit und ihren Wunsch nach Fairness und Gleichbehandlung bestraft wird.

In insgesamt 8 Folgen erleben wir mit, was die meisten Betroffenen verdammt gut kennen: Dieses liebevolle Verhalten von John, um Debra dauerhaft für sich einzunehmen, was natürlich nicht gelingt, weil sie zwar voller Sehnsüchte steckt und viel zu vertrauensselig ist, aber eben nicht dumm. Es gibt immer wieder Momente, in denen sie spürt, dass sein liebes Verhalten eben nicht lieb ist. Momente, in denen sie spürt und sogar Beweise bekommt, dass seine ganzen Geschichten erstunken und erlogen sind. So ist John zum Beispiel nicht Arzt, sondern Krankenpfleger. Er ist auch extrem medikamentenabhängig und diese Medikamente klaut er in den Kliniken, in denen er beschäftigt ist, enthält sie kaltblütig Patienten vor und fälscht Dokumentationen. In diesen acht Folgen erleben wir mit, wie Debras erwachsene Kinder, ihre gesamte Familie, immer mehr Angst bekommt, den Kontakt zu Debra sogar abbricht, solange sie nicht bereit ist, ohne John zu Familientreffen zu erscheinen, bzw. sich von ihm zu trennen. Es gibt so viele „Red Flags“ und Betroffene, die mir persönlich bekannt sind oder auch ich selbst schlagen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, denn wir wissen ja, dass das keinesfalls gut ausgehen kann. Wir erleben Debras wachsenden Zweifel, ihre immer stärker werdenden Ängste, insbesondere als sie beschließt, diese Ehe zu beenden. Die Opferrolle zu spielen, das beherrscht John Meehan perfekt, überall und in jedem Zusammenhang – auch vor Gericht.  

Wir erleben das gesamte Psycho-Programm eines Narzissten und es wird immer klarer, dass John nicht einfach nur ein Narzisst ist, sondern ein ausgewachsener Psychopath. Ich mag nicht noch mehr vom Inhalt verraten, denn auch wenn „Dirty John“ inzwischen ziemlich intensiv unter Betroffenen besprochen wird, so gibt es immer noch viele, die sich diese Serie noch nicht angeschaut haben und da mag ich dann auch nicht weiter spoilern. 

Dirty John“ ist eine wahre Geschichte

Dirty John ist erschütternd, und das schon ab der ersten Folge. Die ganze Geschichte steigert sich so sehr, wie man das als Betroffene eben kennt. Sie ist umso erschütternder, weil der Zuschauer gleich zu Beginn erfährt, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Es gibt übrigens noch eine Dokumentation dazu auf Netflix, und hier wird die Geschichte von den echten Betroffenen aufgerollt. Die Geschichte ist erschütternd, weil man als betroffener Mensch eigentlich weiß, wie sie ausgeht oder ausgehen könnte. Warum schaut man sich so was an? Gerade als betroffener Mensch? Nun, ich kann nicht für andere Frauen sprechen, sondern nur für mich: Es tröstet vielleicht auch ein bisschen. Das klingt jetzt gemein. Man wünscht anderen Menschen nichts Schlechtes. Dennoch tut es allen Betroffenen verdammt gut, die Erlebnisse anderer Betroffener zu erfahren und darüber zu erkennen: „Ich bin damit nicht alleine. Es passiert so vielen. Ich bin kein schlechter, dummer Mensch.“ Dirty John ist eine Serie, in der man als betroffener Mensch die Rolle des Beobachters einnehmen kann. Einfach mal beobachten, wie ein toller, kluger Mensch in eine solche Falle läuft. Einfach mal beobachten, wie ein Psychopath die Falle vorbereitet und plant. 

Debra, die Leidtragende in der Serie Dirty John, möchte man wahrscheinlich auch nur als betroffener Mensch ständig schütteln. Wer noch nie Opfer von Personen mit Cluster-B-Störungen wurde, würde Debra als Mensch ganz anders sehen. Sie ist eine erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsfrau. Sie ist klug, warmherzig, liebevoll und großzügig. Ihr Eheversprechen nimmt sie ernst und es ist für sie selbstverständlich, mit dem Mann den sie liebt, alles zu teilen, was sie hat. Das sind doch eigentlich so schöne Eigenschaften, das macht diese Frau so liebenswert. Und darin erkennen sich so viele Betroffene wieder. Wer so etwas noch nie erlebt hat, wird vielleicht eher denken: Wie konnte diese Frau so blöd sein? Warum hat sie sich nicht mehr Zeit gelassen? Warum hat sie nicht früher gemerkt, dass ….? Genau das ist der Punkt, und da werden Betroffene sicher zustimmend nicken: Diese gestörten Persönlichkeiten lassen ihren Opfern einfach keine Zeit, verwirren sie gezielt, spielen ihnen genau das vor, was ihre Opfer sich so sehr ersehnen und vernebeln ihnen damit die Sinne. 

Es sollen übrigens noch zwei weitere Staffeln mit jeweils anderen Fällen folgen und die Zuschauer dürfen gespannt sein. Ich halte Dirty John für eine empfehlenswerte Serie. Sie kann meiner Meinung nach Augen öffnen, Zusammenhänge deutlich machen und hier wird der Psychopath auch nicht verherrlicht. Stattdessen wird gnadenlos aufgezeigt, wie eiskalt und berechnend er schon bei der Auswahl seiner Dates ist und in seinem gesamten weiteren Verhalten. Ein Lehrbuch in Form einer Serie. Nicht schlecht in meinen Augen.

Ganz anders: „You – du wirst mich lieben“

Diese Serie habe ich mir zuerst angeschaut, denn ich habe in einschlägigen Facebookgruppen die eine oder andere Meinung dazu mitbekommen und wurde neugierig. Die meisten Zuschauer, die sich diese Serie bereits angeschaut hatten, waren empört und nicht alle konnten ihre Empörung erklären. Die Serie ist empörend, verstörend, aber warum eigentlich?

Nun, hier geht es um einen Soziopathen. Einen Stalker. Wer schon mal einen Stalker hatte oder einen Menschen aus seinem Leben streichen wollte, der sich aber trotzdem weiterhin eingezeckt hat, den man irgendwie nicht los bekam, wird von der ersten Sekunde der ersten Folge dieses verstörende Gefühl haben. Also auch hier eine Serie für Betroffene. Der Soziopath unterscheidet sich allerdings von Dirty John ganz erheblich. Während ein John Meehan seinen eigenen Hintern in Sicherheit bringen und sich finanzielle Vorteile verschaffen will, Debra selbst nur Mittel zum Zweck ist, so ist das bei Beck`s Stalker eine andere Nummer: Er möchte seine Auserwählte ja lieben und mit ihr glücklich sein. Er möchte sie unterstützen und für sie da sein. Aber genau das ist der Punkt, Glück und Erfolg soll sie haben, aber nur mit ihm. Ohne ihn darf sie in seinen Augen nicht sein. Auch soll ihr bewusst sein, dass ER sie glücklich macht, dass ER sie unterstützt, das ER alles Mögliche für sie macht, inklusive ihrem Low-Carb Frühstück: Gebratener Speck mit ein, zwei Scheibchen Avocado. Bis zum Schluss tut er wirklich alles für sie, aber nicht durchgängig mit guten Gedanken über sie: Wertet er sie in den ersten Folgen gehörig auf, sieht in ihr die Allerschönste, die Allertollste, die wundervollste Frau und eine begabte Autorin, so fängt er irgendwann in seinen Gedankengängen an, sie zu verachten. Wann genau passiert das? Wahrscheinlich als er merkt, dass sie seine Gefühle nicht in der gleichen (abhängigen) Form erwidert. Sie schwindelt auch hier und da mal, verschweigt ihm die Wahrheit, hat hier oder da noch andere Eisen im Feuer. Aber die weibliche Hauptfigur nimmt man in dieser Serie ohnehin eher zweitrangig zur Kenntnis und so wirklich gut kam sie menschlich bei mir auch nicht an. Auf mich wirkte sie oberflächlich und unehrlich.Trotz seiner Verachtung bleibt er hingegen bei ihr, denn er hat sich für sie entschieden und hat ein Ziel, nämlich eine glückliche Beziehung mit ihr zu führen. Egal wie. Auch hier  geht es nicht um die Frau selbst als Person, sondern um ihn und seine Vorstellungen von einer Beziehung, die er sich mit ihr in den Kopf gesetzt hat – ob sie will oder nicht. 

Die Perspektive ist der Aufreger

Und zwar die Perspektive, aus der diese Geschichte erzählt wird: Aus der Sicht des Soziopathen. Und ja, auch hier der Hinweis auf Menschen, die betroffen sind, die schon mit Soziopathen zu tun hatten, die Stalking erlebt haben. Menschen, die Beziehungen mit anderen Menschen nicht wünschten, sie beenden wollten, diesen Menschen aber einfach nicht los bekamen: Man möchte das als betroffener Mensch verstehen. Vor allem aber, um sich selbst zu verstehen: Sich selbst, und warum man die frühen Warnzeichen nicht bemerkt hat, warum man der Wahrheit so lange ausgewichen ist, und wie es dazu kommen konnte, dass sich ein Mensch so ins eigene Leben einzecken konnte. Man möchte es verstehen, ja, man will sich aber eigentlich hauptsächlich selbst verstehen. Bei Dirty John gelingt das sehr gut. Bei „You – du wirst mich lieben“ gelingt es nicht.

Die gesamte Geschichte wird absolut aus der Perspektive des Täters heraus erzählt, und die weibliche Hauptfigur bekommen wir in ihrer Art zu denken und zu handeln eher am Rande mit. Deswegen fand ich sie vielleicht auch oberflächlich und unehrlich, man erfuhr einfach zu wenig über ihr Innenleben. Es gab ein paar Fakten, immer wieder mal, aber wer diese Frau ist, wie sie denkt und fühlt – das blieb in meinen Augen Spekulation von Anfang bis Ende. Ich fand sie unsympathisch und blöd. Es konnte keine Identifikation stattfinden. Das verwirrt.

Umso deutlicher bekommen die Zuschauer serviert, wie der Soziopath denkt und fühlt, warum er so geworden ist und warum er glaubt, im Recht zu sein. Das verwirrt noch mehr und erzeugt ganz, ganz schlechte Gefühle. Vielleicht sollte diese Perspektive aufrütteln und aufklären, aber mein Empfinden war von Anfang an, dass hier Verständnis für eine (für andere Menschen) verdammt gefährliche Persönlichkeitsstörung erzeugt werden soll.

Natürlich gibt es zwei Morde, die der Soziopath sogar ziemlich grausam verübt, aber man erlebt ihn trotz allem nicht emotionslos. Auch die in seinen albtraumhaften Tagträumen immer wieder auftauchende Exfreundin, die er offenbar umgebracht hat, weckt eine Menge Emotionen in ihm. Letztlich fängt er sich aber immer wieder und handelt ganz nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Der Zweck seiner Mission ist, seine neue Zielperson für sich zu gewinnen und mit ihr gemeinsam glücklich zu werden. Dafür ist dann eben jedes Mittel recht in seinen Augen. Was die weibliche Hauptfigur betrifft: Normalerweise werden die Opfer immer alles lieb und gut dargestellt, in so ziemlich allen Filmen ist das so. In der Realität sind sie das auch oft. Sie werden ja gerade deswegen ausgewählt von ihren Tätern. „Beck“ hingegen ist einfach nur blöd, oberflächlich und an vielen Stellen der Serie habe ich so etwas wie eine Persönlichkeit vermisst. Beck handelt nicht, sie reagiert nur auf das Handeln anderer Personen. Sie überprüft kaum etwas, stellt nichts in Frage und ich ärgerte mich in jeder Folge darüber, dass ihr die einfachsten Dinge nicht komisch vorkommen. Irgendwann ist die Beziehung sogar beendet, aber Beck lässt sie wieder aufleben. Total schwärmerisch stellt sie fest, dass dieser Kerl, den sie eigentlich ja doof fand, doch wohl die Liebe ihres Lebens ist. Ich fragte mich an dieser Stelle, welche Drogen das Mädel eigentlich nimmt, aber nach sehr viel Nachdenken kam ich drauf: Die Geschichte aus der Sicht des Täters zu erzählen – das vernebelt den Blick auf das Opfer. Da muss man genauer hinschauen! 

Beck“ ist eigentlich nicht oberflächlich, sondern eher sehr tiefgründig. Es gibt aber nicht viele Menschen, die sie verstehen, also ist sie verschlossen. Beck ist unsicher und fühlt sich minderwertig. Echte Liebe – was ist das? In ihren bisherigen Beziehungen wurde sie benutzt und oft hat sie selbst guten Sex mit Liebe verwechselt. Sie reagiert nur auf die Handlungen und Entscheidungen anderer, weil sie nicht gelernt hat, für sich einzutreten. Sie ging so schwärmerisch ein zweites Mal eine Beziehung mit ihrem Soziopathen ein, weil er sie dahingehend ganz gründlich manipuliert hatte und auch ihre Freundinnen mit einbezog: Alle fanden ihn nett und fürsorglich, so sehr, dass sogar Beck irgendwann davon überzeugt war, dass er sie unterstützte, immer für sie da sein und sie von Herzen lieben würde. Nur wir, die Zuschauer, wussten es inzwischen besser.

Ich glaube, ich mag diese Serie nicht, weil sie – wie weiter oben schon geschrieben – die Sicht auf das Opfer vernebelt. Diese ganze Täterdenke macht das mit dem Zuschauer, was Betroffene so oft erleben: Die Täter-Opfer-Umkehr. Ich weiß nicht, wie oft ich als Zuschauerin das Gefühl hatte, dass Beck „selbst dran schuld ist“, dass sie mir unsympathisch war, und deswegen hat mich diese Serie auch gedanklich ziemlich lange gefesselt. Es ist der Brainfuck, den meist das Umfeld von Betroffenen erlebt. Dieser Punkt, an dem die Täter-Opfer-Umkehr stattfindet und man das eigentliche Opfer für total gestört und bescheuert hält und den Täter bedauert. Der Punkt, den so viele Betroffene so schmerzhaft erlebt haben, den sie auch in Gerichtsverhandlungen erleben, in denen die wahren Täter für die Opfer gehalten und die Opfer für verrückt erklärt werden. Und auch hier wird der eine oder andere Einblick in die Kindheit des Täters gezeigt. Das macht mich wütend, denn eine schlechte Kindheit rechtfertigt gar nichts. Sie kann bestenfalls eine Erklärung für eine Entwicklung sein, mehr aber nicht. 

Die Serie hätte gut werden können und vermutlich wird es viele Menschen geben, die sie sogar gut finden. Ich halte sie für sehr verstörend und ganz ehrlich: Ich habe die Befürchtung dass sie falsche Botschaften sendet.

Bild: www.pixabay.com

Urheber: darksouls1

 

 

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