Von Breadcrumbing, Ghosting und all dem kranken Zeug

Beziehungsunfähigkeit scheint ein Zeichen unserer Zeit zu sein. Man muss an nichts festhalten, es gibt ein Überangebot und wenn man auch nur ein ganz kleines bisschen unzufrieden mit dem ist, was man bereits gefunden hat, gibt es zahllose Verlockungen: Eine kleine Zufallsbekanntschaft hier, ein alter Kontakt da, den man virtuell wiedergefunden hat. Zahllose Single-Börsen, nicht nur kostenpflichtig im Internet, sondern auch spezielle Foren und Gruppen, in denen man ganz nach persönlichen Vorlieben das suchen kann, was man sich wünscht. Jemanden kennenzulernen ist total easy und zu 99 Prozent mit einem Klick und ein paar (meist) dusseligen Worten möglich. Kein Wunder passieren dann Dinge, die so abenteuerliche Namen wie Benching, Breadcrumbing oder Ghosting erhalten. Zur Beruhigung: Das gab es alles auch schon lange vor dem Internet. Nur nicht so häufig. Und es heißt jetzt halt anders.

Benching

Da sichert sich jemand die Option, dich näher kennenzulernen, dich persönlich kennenzulernen oder dich nach langer Zeit mal wiederzusehen. Trifft sich aber nicht mit dir. Verabredungen kommen erst gar nicht zustande, oder wenn doch, dann werden sie kurz vorher aus Zeitgründen oder anderen fadenscheinigen Ausreden abgesagt. Das ist eine Warmhaltetechnik, die bei möglicherweise interessanten Kontakten angewendet wird, die man aber noch nicht treffen will … weil man noch andere Kontakte hat, die vielversprechender erscheinen oder einfach besser gefallen Nach dem Motto, wenn es mit dieser oder jener nicht klappt, dann versuche ich es halt mal da – aber solange muss bei diesem Menschen dann ja irgendwie das Interesse aufrecht erhalten werden. Das betrifft Phasen, in denen man noch keine Dates mit jemandem hat, der Kontakt einzig über moderne Kommunikationsmittel aufrecht erhalten wird – und das auf Sparflamme. Es gibt also nicht wirklich Kontakt, sondern nur eine Kontaktaufnahme. Ein paar likes hier und da zu deinen Beiträgen, ein paar unverbindliche Worte per PN, ein völlig nichtssagender Kontakt, der dennoch Interesse aufrecht erhält – oder aufrecht erhalten soll. 

Breadcrumbing

Breadcrumbing bedeutet „Brotkrümel streuen“ und klar klingt das auf Englisch besser als auf Deutsch. Es ist auch nichts anderes als ein Warmhalten, betrifft dann allerdings Phase 2: Man kennt sich bereits persönlich. Ein Breadcrumber (männlich wie weiblich) hält dich mit Kleinigkeiten warm. Kleinigkeiten, die dir völlig normal erscheinen. Von drei Dates klappt vielleicht nur eines, weil er zwei davon absagt. (Oder sie!) Er oder sie zeigt Interesse an dir, indem mal eine kurze Whatsapp kommt, ab und zu ein Anruf, vielleicht sogar mit einem „ich musste an dich denken“ oder „du fehlst mir“ – aber irgendwie geht es nicht weiter. Du bist in diesem Fall eine Option von mehreren und nicht die erste Wahl. Gefühle gibt es für dich nicht. Es besteht lediglich ein Interesse an dir, aber nur falls sich nicht innerhalb der nächsten Wochen oder Monate was Besseres findet. Breadcrumbing kann sich tatsächlich über Wochen und Monate hinziehen und es findet erst ein Ende, wenn du diesem miesen Spiel ein Ende setzt. Oder, das ist die andere Option: Das Ganze endet im „Ghosting“, weil derjenige nämlich der Meinung ist, dich nicht mehr zu brauchen. Entweder geht er oder sie eine Beziehung ein – deren Wert auch infrage stehen darf – oder es gibt weitere, neue Eisen im Feuer, die interessanter sind als du. Und damit bist du von heute auf morgen uninteressant.

Ghosting

Zum Ghosting kommt es dann, wenn du deinen Zweck erfüllt hast und uninteressant geworden bist. Der Mensch, der dir wichtig geworden ist, meldet sich nicht mehr die dir. Plötzlich sind alle Kontaktwege gesperrt, du kannst ihn weder per whatsapp, noch per Facebook oder am Telefon erreichen. Falls du nicht gesperrt wurdest, erhältst du keine Antworten mehr, wenn du dich meldest, und er oder sie meldet sich natürlich von sich aus gar nicht mehr. Du wirst fallen gelassen, von heute auf morgen, von jetzt auf gleich. Du bist jetzt nicht mehr interessant für diesen Menschen und weil der zu feige ist, dir das auch mitzuteilen, meidet er dich und ist irgendwie gar nicht mehr da – wie ein Geist eben.

Wie kannst du dich davor schützen?

Nur mit absoluter Vorsicht, einer guten Beobachtungsgabe und der Bereitschaft, auf dein Bauchgefühl zu hören.

Was das „Benching“ betrifft, besteht ja möglicherweise noch etwas Schutz, wenn du dir selbst wertvoll genug bist, nicht auf Menschen zu warten, die offenbar kein Interesse haben: Man merkt es durchaus, wenn man nur als Kontakt warm gehalten werden soll, es aber über einen gewissen Zeitraum nie zu einem Treffen kommt. Achte also darauf, dass es auch wirklich zu einer Verabredung kommt. Wird diese Verabredung kurzfristig abgesagt oder kommt erst gar nicht zustande, solltest du einfach nicht mehr zur Verfügung stehen. Rechne allerdings damit, dass dir Ausreden für das Nichtzustandekommen eines Dates präsentiert werden, die absolut glaubhaft klingen – das macht es ja so pervers. Man kann ja einem anderen Menschen keine Vorwürfe machen, wenn er plötzlich krank wird, eine unvorhergesehene, ambulante OP hatte oder beruflich weg muss, nicht wahr?

Nicht mehr zur Verfügung stehen – das ist daher oft leichter gesagt als getan, denn wenn man sich für einen speziellen Menschen interessiert, möchte man ihn natürlich auch treffen. Aber genau das solltest du mal „anders herum denken“: Würde dieser Mensch sich auch für dich interessieren, käme die Verabredung doch zustande, oder? Wenn einem ein Mensch wichtig ist, achtet man sorgsam darauf, dass man eine Verabredung auch einhalten kann. Wer das nicht tut – dem bist du nicht wichtig!

Schwieriger ist das schon beim Breadcrumbing mit dem Selbstschutz. Schließlich ist es nur gesund, nicht von vorne herein alles zu geben, was man zu geben hat. Eine Beziehung kann nur gesund sein, wenn sie sich langsam aufbaut, wenn man sich mehrfach verabredet, eine schöne Zeit miteinander genießt und das Zusammensein mit jedem Mal interessanter und angenehmer wird. Das wissen aber auch Breadcrumber. Zwei bis drei unverbindliche Treffen, bei denen man aber nette Gespräche hat, die Zeit wie im Flug vergeht, aber alles noch schön unverbindlich bleibt für beide Seiten. Ab und zu mal eine whatsapp mit Worten wie „vermisse dich“ und schon hat man dir wieder das Gefühl gegeben, für diesen Menschen interessant zu sein. Der einzige Selbstschutz, den du wirklich praktizieren kannst ist, sehr genau hinzuschauen. Dich emotional – auch wenn dir dieser Mensch wirklich gut gefällt – ganz vorsichtig zurückzuhalten. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit und haben daher nicht selten das Gefühl, dass Dinge viel zu lange dauern.

Halte dich zurück mit Liebeserklärungen. Mit Schwärmerei. Mit Träumereien, die der „Wolke 7“ zuzuordnen sind. Mein Papa sagte immer zu mir, die wichtigste Regel im Leben sei, dass man Geld, das man noch nicht hat, nicht verplant. Die zweitwichtigste Regel scheint mir zu sein, dass man Beziehungen, die man noch nicht in aller Konsequenz führt, realistisch betrachtet und nicht schon die Hochzeitsglocken läuten hört. Breadcrumbing zu erkennen halte ich für ungeheuer schwer. Aber auch hier werden meist Verabredungen abgesagt. Oft kurz vorher. Breadcrumber wollen gerne sehen, wie weit sie bei dir gehen können. Dass mal eine Verabredung abgesagt wird, kann echt vorkommen – wenn die Gründe ernsthaft sind. Das ist aber das Teuflische daran, die denken sich dann durchaus Gründe aus, die ein normaler Mensch einfach respektiert. Passiert das öfter und merkst du, dass auch auf anderen Kanälen das Interesse nicht so besteht wie du es dir wünschen würdest, zieh dich besser zurück. Wer an dir interessiert ist, nimmt sich Zeit für dich, statt Ausreden zu finden! Punkt! Achte auf das Gefühl in deinem Bauch – und zwar auf das zwischen den Verabredungen. Man kann einen wunderschönen Abend mit einem anderen Menschen verbringen und sich auch auf die nächste Verabredung freuen. Aber der Bauch merkt es irgendwie zwischen diesen Verabredungen und meldet sich mit Misstrauen und Zweifeln. Da solltest du genauer hinspüren, das ist selten unbegründet! Wir leben im dritten Jahrtausend – im Zeitalter der Online-Kommunikation. Für Breadcrumber sind Facebook, Instagram, die unzähligen Single-Plattformen und sogar Businessforen ein einziger großer Katalog an möglichen Optionen. Wer keine Option sein will, sondern erste Wahl, sollte also ruhig mal ein bisschen auf das übliche Onlineverhalten achten. Wenn du eine gute Beobachtungsgabe hast, erschließen sich dir Welten und liefern dir möglicherweise den Grund für das miese Gefühl in deinem Bauch.

Gegen Ghosting bist du machtlos

Also kämpfe nicht und laufe niemandem hinterher. Du kannst es nicht ändern, wenn ein Mensch dich blockiert, dir einfach nicht mehr antwortet oder sich auch von sich aus nicht mehr meldet – auch wenn er dich vorher zugeballert hat. Da kannst du nur deine eigene Sichtweise ändern und dein eigenes Verhalten umstellen: Lauf diesem Menschen nicht hinterher. Wenn du nichts getan hast, womit du das verdient hättest – und ein beziehungsfähiger Mensch würde genau solche Dinge mit dir ausdiskutieren, statt dich zu „ghosten“ – denk um: Dieser Mensch hat DICH nicht verdient. Warum also solltest du dich noch um Kontakt bemühen? Das gilt dann aber dauerhaft. Denn falls ein Mensch, der dich für eine Weile geghostet hat, dann mit fadenscheinigen Ausreden wieder in dein Leben zu treten versucht, solltest du ihn da nie wieder reinlassen. Das heißt nämlich nur, dass du als Option wieder wahrgenommen wirst, weil das andere, was auch immer es gewesen sein mag, nicht funktioniert hat. Wer ghostet ist nicht nur beziehungsunfähig, sondern auch kommunikationsunfähig, konfliktscheu und einfach nur feige. So was brauchst du nicht! So was lässt sich auch nicht mit Liebe heilen und selbst wenn ein Ghoster dann irgendwann bittere Tränchen vergießen sollte, um dich wieder umzustimmen – das ist genauso geheuchelt wie das Interesse während der Phasen von Benching oder Breadcrumbing. Vergiss solche Menschen einfach und mach einen Haken unter diese Sache. Wer so mit dir umgeht, hat dich nicht verdient. Und wer es einmal getan hat, wird es bei der nächsten Gelegenheit wieder tun. Ghoster sind Feiglinge!

Beziehungsunfähigkeit bringt das alles mit sich

Für liebende Menschen sind ihre Menschen nicht ersetzbar und auch nicht austauschbar. Das geht beim Kennenlernen los. Wer wirklich Interesse an dir hat, wirft dir keine Brotkrümel hin, sondern versucht ernsthaft dich kennenzulernen. Wer wirklich Interesse an dir hat, wird die Kommunikation mit dir wie auch die Dates vorsichtig und empathisch steigern, statt dir nur Bröckchen hinzuschmeißen. Und wenn du einem Menschen wirklich etwas bedeutest, wird derjenige nicht noch fünf andere Eisen im Feuer haben. Sobald du den Eindruck hast, dass das so ist, solltest du dich zumindest emotional zurückziehen, denn das sind die Menschen, die sich schon beim leisesten Anzeichen von Unzufriedenheit verpieseln – oder wenn jemand um die Ecke kommt, der ihnen besser gefällt. Es sind beziehungsunfähige Menschen, die nicht nur benchen und breadcrumben, sondern sich auch innerhalb der Beziehung als Schwachmaten erweisen, die eigentlich nur ihre Bequemlichkeit suchen und gut versorgt werden wollen.

Warum tun die das?

Nun … Narzissten und Co spielen nun mal gerne mit den Gefühlen anderer Menschen. Sie müssen nicht mal diagnostizierte Narzissten sein, das trifft ohnehin nur auf einen geringen Anteil in unserer Bevölkerung zu. Es laufen auch genug „Toxen“ herum, die miese, narzisstische Eigenschaften mit sich herumtragen: Sie brauchen einfach narzisstische Zufuhr. Und was für eine bessere Selbstbestätigung könnte es denn geben, als sich gleichzeitig mit zwei, drei, fünf oder sogar noch mehr potenziellen Partnern zu treffen und bei all denen auch Interesse zu erkennen?

Aber mal ganz anders herum betrachtet: Ein gesunder Mensch der es ernst meint, nimmt sich Zeit, dich kennen zu lernen, findet keine Ausreden oder lässt dich hängen, weil er einfach Respekt vor dir hat und dich nicht verletzen, sondern ehrlich kennenlernen will. Besser kennenlernen will. Ein gesunder Mensch trifft sich nur mit dir und nicht noch mit mehreren anderen, der ist nämlich von DIR fasziniert und hat in dieser Phase seines Lebens überhaupt keinen Blick mehr für andere.

Aber woher sollst du wissen, dass …

… da jemand nicht noch ein paar andere Eisen im Feuer hat?

Das kannst du nicht wissen. Meistens. Eine Ausnahme bilden diejenigen, die sich online einfach nur dämlich und daher sehr durchschaubar verhalten. Daher gehe jedes Date vorsichtig an und lass dich nicht von Gefühlen überrollen. Bleib realistisch! Es war bisher nur ein Date! Und auch wenn ihr euch schon dreimal, viermal getroffen habt – dann ist das auch nichts anderes. Wenn du den Tagesablauf dieses Menschen nachvollziehen kannst, von seinen sonstigen Verbindungen weißt, vielleicht sogar schon Freunde oder Bekannte von ihm oder ihr kennengelernt hast, dann kannst du anfangen, das ernst zu nehmen, aber auch da nur ganz vorsichtig. Ein Mensch, der wirklich an dir und an sonst niemand anderem interessiert ist, wird verfügbar sein – zumindest für dich. Er oder sie wird (und sollte auf keinen Fall) alles andere absagen, was ihm/ihr noch wichtig ist, aber sich doch regelmäßig Freizeit für dich freihalten. Wenn sich eine gesunde Beziehung entwickelt , spürt man das auch nicht zuletzt dadurch, dass das Verhalten langsam aber sicher verbindlicher wird. Dass man sich häufiger trifft.

Und dann wäre da noch das Bauchgefühl: Benching, Breadcrumbing und all das moderne Zeugs, über das inzwischen so gesprochen wird, verursacht ein mieses Bauchgefühl. Und wenn es nur ganz leise Zweifel sind.

Wer so was tut, hat dich nicht verdient. Du hast nichts falsch gemacht. Du hast keine Charakterschwäche gezeigt. Aber anders herum hat dieser Mensch, der all das gemacht hat, dir bewiesen, was er für ein feiger, beziehungsunfähiger und narzisstischer Mensch ist. Sei froh, dass dieser Kelch an dir vorübergezogen ist.

Hier im Rheinland sagt man über solche Personen: „Jut dat der/die fott is!“

Foto: pixabay.com

Fotograf: Alexa