Toxische Beziehungen: Warum lieben wir zu sehr?

Ein Artikel von Gastbloggerin Quintilia

Man kann niemals den anderen ändern, sondern immer nur sich selbst. Sei es, um sich erst einmal in die Lage zu versetzen, sich trennen zu können. Sei es, um nicht noch einmal in eine ähnlich destruktive Beziehung zu kommen.

Daher halte ich es für viel gewinnbringender, sich intensiv mit der eigenen Rolle, dem eigenen Anteil in und an einer toxischen Beziehung auseinanderzusetzen, statt über die Diagnose und/oder Beweggründe des Egoisten / Narzissten / Psychopathen / Beziehungsängstlers…. nachzugrübeln.

Jeder andere würde sich vermutlich längst getrennt haben, während „wir“ nicht fähig sind loszulassen, obwohl wir bereits einen immensen Leidensdruck verspüren und unser Verstand sehr wohl weiß: „Das tut mir nicht (mehr) gut! Es ist besser, das zu beenden!“

Diese erschreckende Diskrepanz zwischen dem Wissen einerseits und dem Gefühl von persönlichem Unvermögen andererseits ist es doch, was uns ab einem gewissen Zeitpunkt völlig in die persönliche Hölle treibt: Der eigene Verstand ist nicht mehr Herr über das „Herz“. Doch warum ist das so?

Ein Buch trifft den Nagel auf den Kopf und mich mitten ins Herz

Noch während ich mitten in der „Endphase“ meiner toxischen Beziehung steckte, empfahl mir jemand das Buch „Wenn Frauen zu sehr lieben“, den Bestseller von Robin Norwood, einer amerikanischen Therapeutin.

Ich kam nicht über die ersten paar Seiten hinaus, so trafen mich die Erkenntnisse ins Herz: Jeder einzelne Satz traf in einem derart erschreckenden Ausmaß auf mich zu, dass ich damals einfach nicht weiterlesen konnte. Es erschien mir einfach als zu grausam!

Dennoch – oder gerade deshalb – möchte ich dieses Buch allen Betroffenen sehr empfehlen, egal, ob sie nun Frauen oder Männer sind!

Der intensive Austausch, in dem ich mich seit dem Bloggen über das Thema Narzissmus mit Betroffenen befinde, zeigt mir nämlich zweierlei:

Es sind nicht nur die Erfahrungsberichte über das Täterverhalten, die erschreckende Parallelen aufweisen, es sind auch die Biografien der „Opfer“, die sich unglaublich ähneln.

Vielleicht werdet ihr euch daher auch in meiner Biografie wieder erkennen.

Ein Blick auf meine Biografie

Rückblick auf andere Beziehungen

„Nur“ zweimal bin ich gottlob in meinem Leben in wirklich destruktive Beziehungen zu absolut toxischen Partnern geraten.

Dennoch ist mir eines nie gelungen: Geeignete Partner zu finden, die wirklich zu mir passten! Ich lag auch bei „ganz normalen Männern“ immer irgendwie „daneben“ und vor allen Dingen:

Es dauerte immer unendlich lange, bis ich das endlich erkannt habe und mich auch trennen konnte! Immer habe ich zu lange aussichtslose Kämpfe um Beziehungen gekämpft, immer viel es mir schwer, los zu lassen und immer waren diese Trennungen unendlich schmerzvoll und wurden von mir als persönliche Niederlage empfunden!

Diese „Niederlagen“ bestätigten mich nur noch mehr in meinem mangelnden Selbstwert, in dem Gefühl: Irgendetwas stimmt mit dir nicht! Du bist nicht liebenswert! Bei dir hält es keiner aus! Ich suchte und fand die Fehler bzw. die Schuld ausnahmslos bei mir und das verunsicherte mich sehr. Ich sehnte mich zeitlebens so sehr nach einer funktionierenden Partnerschaft, die letztendlich in der eigenen Familie enden sollte. Aber es wollte einfach nicht klappen!

Dabei war ich doch in vielen anderen Bereichen meines Lebens so erfolgreich. Ich machte ohne Unterstützung meiner Familie mein Abitur, ich studierte und finanzierte dabei mein Leben von Anfang an ausschließlich selbst, ich bewältigte zwei Staatsexamina, war erfolgreich in meinem Beruf und verdiente mir nebenbei schon von Jugendbeinen an viel Anerkennung und Beachtung im ehrenamtlichen Bereich.

Das einzige Feld, in dem ich wirklich immer und erschreckend zielsicher versagte, war das Thema „Beziehungen“! Woran lag das bloß???

Meine Kindheit 

Schon das erste Kapitel in Norwoods Buch rührte derart heftig an einer riesigen, tief verdrängten Wunde, dass ich es vor vielen Jahren entsetzt beiseite legte: Es tat so weh, dass ich daran einfach nicht erinnert werden, mich damit schlichtweg nicht auseinandersetzen wollte: Meine Kindheit bzw. gewisse Umstände in meiner Herkunftsfamilie, vor allem die Rolle meiner Mutter.

Wenn ich heute zurückblicke, dann war meine Mutter immer das Familienoberhaupt. Sie gab den Ton an, sie hielt die Zügel fest in der Hand! Sie war eine „toughe“, durchaus lebenstüchtige Frau, die trotz aller widriger Umstände immer fest an ihrem Ziel festhielt: Sich durch Fleiß und unermüdlicher Arbeit aus der Unterschicht in die Mittelschicht „hocharbeiten“. Symbol dieses Aufstiegs war für sie ein eigenes Haus, in dem wir Kinder sicher groß werden, die bestmöglichste Bildung erfahren sollten.

Um es vorwegzunehmen: Sie machte es so gut, wie sie es eben konnte. Sie handelte nach dem, was sie für richtig hielt und heute weiß ich: So falsch lag sie gar nicht, ich habe mich innerlich bereits ein erstaunliches Stück mit ihr aussöhnen können (dazu in einem späteren Post mehr).

Mit meinem Vater hatte sie – was ihre Ziele betraf – keine wirklich glückliche Wahl getroffen. Er war im Gegensatz zu ihr ein wenig ehrgeiziger, eher gelassener Mensch, der es wohl in einigen Punkten lieber hätte etwas „ruhiger“ angehen lassen. Erst jetzt weiß ich, dass er es ihr damit oft alles andere als leicht gemacht hat.

Was meiner Mutter bei all ihrem Fleiß und ihrem Arbeitswillen aber fehlte, war die Fähigkeit, zu lieben bzw. Liebe zu zeigen!

Ich war Nachzüglerin, kam unerwartet als „Nesthäkchen“ hinterher, zu einem Zeitpunkt, als meine Mutter es längst geschafft hatte, ihre drei Söhne aus dem Gröbsten herauszuhaben. Der älteste war ohnehin schwerstbehindert, die beiden folgenden bereits 16 und 14 Jahre alt und bereits in Ausbildung und somit hätte das Familienschiff nun in ruhigere Gewässer segeln können – doch dann kam ich!

Was mein Vater wieder einmal gelassen hinnahm, nein, was ihm vielmehr sogar Freude bereitete, nämlich eine Tochter nach drei Jungen, das schien für meine Mutter eher ein weiterer „Schicksalsschlag“ gewesen zu sein. Immerhin bedeutete das, dass sie wieder nicht wusste, wie sie arbeiten gehen sollte mit einem Säugling zu Hause. Sie wollte doch das Haus abbezahlen und endlich Geld auf die Seite bringen….

Wenn ich heute zurückblicke, dann erinnere ich mich von Anfang an nur an das seltsame Gefühl, von meiner Mutter keine Beachtung – und oft sogar Missachtung – erhalten zu haben. Irgendwie vermittelte sie mir das Gefühl, ich würde „stören“. Ständig war sie mit sich selber beschäftigt bzw. mit irgendwelchen Arbeiten, sie wirkte immer mürrisch. Wenn ich sie ansprach, etwas erzählen wollte, dann hörte sie nicht zu, reagierte nicht darauf, verließ manchmal sogar einfach den Raum, obwohl ich noch sprach.

An körperlichen Kontakt zu ihr (in die Arme nehmen, streicheln etc.) kann ich mich kaum erinnern, was Mutter betrifft.

Vater war da ganz anders: Da saß ich auf dem Schoß, da wurde gekuschelt und gesungen, gescherzt und erzählt, was uns – zu meinem großen Schmerz als Kind – sogar noch bitterböse Blicke von Mutter einbrachte. Ich war ein hübsches, freundliches Kind und Papa präsentierte mich stolz. Doch auch hier kann ich mich an ein, zwei wirklich böse Kommentare von Mutter erinnern. Sie wollte nicht, dass ich eitel werde, sagte sie damals.

Meine ganze Kindheit und Jugend lang, ja bis hinein ins Erwachsenenalter habe ich unermüdlich immer um die Liebe, die Wertschätzung oder wenigstens einen Funken Anerkennung von Seiten meiner Mutter gekämpft. Völlig vergeblich! Weder das Abitur noch die Staatsexamina in der Tasche – nichts von alledem konnte ihr ein halbwegs anerkennendes Wort oder eine entsprechende Geste abringen. Das tat unendlich weh!

Diesen Kampf konnte ich erst vor wenigen Jahren aufgeben – aber das zutiefst verletzte, unendlich bedürftige Kind wohnt noch immer in mir!

Es ist also genauso, wie Norwood es in ihrem ersten Kapitel beschreibt:

„Der Mangel an Liebe in persönlichen Beziehungen ist Ihnen so vertraut, dass sie willens sind, zu warten, zu hoffen und sich noch mehr darum zu bemühen, dem anderen zu gefallen.“
(Robin Norwood: Wenn Frauen zu sehr lieben, Kapitel 1)

Und schon greifen die allerersten, schmerzvollen Erfahrungen, die man schon als Kind  im Leben zum Thema „Liebe und Beziehungen“ machen musste wie Zahnräder in die zukünftige Lebensgeschichte und somit auch in alle weiteren Beziehungen.

Fehlender Selbstwert

Mir ist von meiner Mutter niemals vermittelt worden, dass sie mich liebt, dass ich in Ordnung bin, wie ich bin oder sogar wertvoll. Noch heute „denke“ ich daher wahrscheinlich, dass ich mir Liebe „verdienen“ muss, weil ich sie ansonsten nicht „wert“ bin.

Verdrängte Gefühle und Wahrnehmungen

Es ist eine gehörige Herausforderung, den Schmerz über die entsagte Liebe als Kind aushalten zu können! Daher wird man Weltmeister im Verdrängen seiner eigenen Gefühle.

Gleichzeitig habe ich immer wahrgenommen, dass Mutters Gefühle für mich „nicht stimmig“ waren. Genauso wenig wie das, was sie nach außen über unsere Familie und deren Zusammenhalt weitergab. In der Öffentlichkeit war meine Mutter immer eine unbeschwerte, fröhliche, allseits beliebte und anerkannte Frau. Ich dagegen empfand sie schon als Kind daheim ganz anders – und zwar genau gegenteilig!

Daher habe ich verlernt, meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr zu vertrauen! Wenn dir alle (die Umwelt) wiederspiegeln, was für eine tolle, liebevolle, aufopfernde Mutter du hast, und sich das nicht mit deinen eigenen Empfindungen deckt, dann bleibt dir als Kind nur eine einzige Schlussfolgerung: DU musst falsch liegen und die anderen haben Recht!

Ich habe zum Beispiel eigentlich ein ausgesprochen gutes Bauchgefühl – doch leider habe ich (wie in meinen Erfahrungsberichten geschildert), dieser Intuition nicht vertraut. Leider!

Übermäßige Empathie, Fürsorge und Hilfsbereitschaft

Du kannst dich irgendwann selber nicht mehr spüren, denn das Verdrängen deiner eigenen Empfindungen ist zu deiner Überlebensstrategie geworden. Aber das, was andere fühlen, das spürst du sehr wohl. Ich denke, ich bin wirklich sehr empathisch und konnte mich zeitlebens gut in andere hinein versetzen, vor allem dann, wenn sie bedürftig waren, wenn sie in Krisen steckten, wenn sie litten. Ich habe mich immer sehr hingezogen gefühlt zu denen, die Hilfe brauchten.

Wenn ich mir schon selber nicht helfen konnte, weil ich ja meine eigene Bedürftigkeit, meinen eigenen Schmerz längst nicht mehr wahrnahm, so wollte ich wenigstens den anderen helfen. Gleichzeitig war ich sehr gut darin und bekam hier wieder einen Teil Anerkennung und Wertschätzung, den ich so dringend nötig hatte.

Zeitlebens wollte ich es an anderen besser machen, als es an mir gemacht wurde. Ich war jahrzehntelang ehrenamtlich in der Jugendarbeit tätig und habe mir auch einen Beruf ausgesucht, bei dem ich gerade den Kindern helfen konnte, die weniger bevorteilt waren. An ihnen wollte ich gut machen, was mir selber versagt geblieben war. An ihnen wollte ich meine eigene Kindheit nachträglich in Ordnung bringen.

Darum war ich auch so empfänglich für Männer, die sich mir als Opfer präsentierten und in irgendeiner Form „bedürftig“ wirkten. Vor allem triggerte mich beim einen oder anderen Partner vermutlich die Parallele der offenbar ähnlich lieblosen Eltern. Wollte ich diesen Männern die Liebe geben, die sie nach eigenen Angaben von seinen Eltern nie erhalten hatten? Wollte ich auch an ihnen – wie oben geschildert – stellvertretend Wiedergutmachung für meine eigene Kindheit leisten?

Für Männer: Der edle Ritter auf dem Pferd „rettet“ die Gänsemagd?

In Selbsthilfegruppen sind mir in diesem Zusammenhang einige Geschichten von Männern aufgefallen, die alle dasselbe Phänomen und erschreckende Parallelen zeigten:

Als „edle Ritter“ versuchten sie sich die Männer vergeblich daran, vermeintlich „bedürftige“ Frauen, oft weit unter dem eigenen Stand und erheblich jünger, zu „retten“.

Mit erheblichem finanziellen Aufwand versuchten sie, die „armen Schönen“ durch übermäßige Großzügigkeit mit Wohltaten zu überschütten und ganz von ihrer eigenen Liebenswürdigkeit zu überzeugen. Nicht selten gerieten sie dabei an ausgesprochene weibliche Narzisstinnen, die sie zwar finanziell bis auf die „Unterhosen“ auszogen und dennoch alles andere Taten – nur nicht sich durch die übermäßig dargebotene „Liebe“ und „Bewunderung“ des edlen, ach so großzügigen Ritters kurieren zu lassen.

Voller Selbstbewusstsein blieben die Angebeteten stattdessen, was sie waren: Charakterliche Gänsemägde, die voll auf den eigenen Vorteil bedacht zwar die finanziellen Annehmlichkeiten in Kauf nahmen, sich trotz aller „Liebe“ aber einfach nicht zur Prinzessin „adeln“ lassen wollten!

Riesige Verlustangst

Wie es sich anfühlt, emotional verlassen zu werden, ist dir aus deiner Kindheit vielleicht auch bestens bekannt. Es gibt meiner Erfahrung nach keinen größeren Schmerz, den es auszuhalten gilt! Die innere Leere, die das erzeugt, ist wie ein unendlich tiefes, gähnendes Loch, das einen wahnsinnigen Sog erzeugt: Es saugt unweigerlich alles an, was dem Vakuum auch nur halbwegs etwas an „Gefühl“ entgegensetzt.

Nur alles, um nur nicht wieder diesen furchtbaren Schmerz, diese grauenvolle Leere aushalten zu müssen! Selbst der Schmerz, in einer Beziehung miserabel behandelt zu werden scheint nichts gegen diese Verlustangst zu sein. Also hältst du lieber die Tortur der psychischen (manche Betroffene auch physischen) Misshandlung aus – du wählst quasi Pest statt Cholera!

Der ewige Kampf um die Liebe

Endlich, endlich, endlich muss es dir doch einmal gelingen, jemanden von deinem Wert zu überzeugen und für deinen Einsatz, für dein Dich-Aufopfern mit der Liebe belohnt zu werden, die du verdienst und nach der du dich so sehnst!

Du musst dafür nur attraktiv, gut, intelligent, humorvoll, willig, uneigennützig, warmherzig, sexuell „nutzbar“,hilfsbereit, verfügbar….. sein. (Setze diese Liste einfach deinen Erfahrungen entsprechend fort!)


Notfalls gibst du dich und deine Bedürfnisse völlig auf dafür und löst dich völlig in der Rolle der perfekten Partnerin oder des idealen Partners für das Gegenüber.


Schlimmstenfalls kämpfst du wie eine Besessene darum, den anderen so weit zu ändern, bis er die Person ist, die dir geben wird, was du so dringend brauchst:

Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Selbstwert….

Du bist dir ganz sicher: DEINE (und ausschließlich deine!) Liebe wird den anderen, den Bedürftigen – also beispielsweise einen Partner heilen, der emotional nicht zugänglich ist ! Und du verzweifelst, wenn genau das nicht eintrifft!

Persönliches Fazit

Allzu leicht habe ich immer unbewusst auf den vertrauten Typus aus meiner Kindheit reagiert:

Menschen, die unfähig sind, Liebe zu geben und emotional absolut nicht zugänglich sind!

Meine persönliche Bedürftigkeit, was Liebe und Anerkennung  betrifft, habe ich nur zu bereitwillig auf mein Gegenüber gespiegelt.

Ich habe den aus der Kindheit altbekannten Kampf um Liebe und Anerkennung in meinen Beziehungen fortgesetzt und bin dabei in die ewig gleichen Muster geraten.

Ein Überprüfen der eigenen Biografie und der Beziehungsmuster, die einem in der Kindheit vorgelebt wurden, lohnt daher meiner Erfahrung nach sehr!

Ebenso unerlässlich ist die Arbeit am eigenen Selbstwert, mit dem Ziel, sich erst einmal selber lieben zu können.


Ihr habt diesen Artikel als lesenswert und hilfreich empfunden? Dann freue ich mich übers Weiterempfehlen und Teilen.

Bis bald

Eure Quintilia

Bildquelle: Pixabay