Toxische Beziehungen? – Nein, danke! Ich lieb mich jetzt selbst

Von Gastbloggerin Quintilia

Vorbemerkungen

Als „Überlebende“ von toxischen Beziehungen habe ich mich auf den Weg gemacht, meine Eigenanteile aufzuarbeiten und entdeckte dank qualifizierter therapeutischer Begleitung einen Zusammenhang zu „meinen“ Depressionen. 

Wie bei vielen anderen Betroffenen gibt es auch bei mir die alles entscheidende erste „toxische Beziehung“ in meinem Leben und das ist die zu meiner Mutter. Ihre Unfähigkeit, mir das Gefühl zu geben, willkommen und geliebt zu sein, prägte leider mein gesamtes Leben.

Ich fühlte mich von meiner Mutter nicht geliebt, nein, noch weniger: Ich fühlte mich nicht willkommen, sondern oft wie eine Last, allein durch mein Da-Sein. Obwohl ich ein angepasstes, liebes Kind war, hatte ich oft den Eindruck, meine Mutter sei böse auf mich und könne mich nicht leiden.

Natürlich kann man sich das als Kind nicht erklären. ich macht doch nichts falsch!? Oder etwa doch? Irgendetwas musste ich doch falsch machen, dass sie immer so genervt und ablehnend wirkte.

Und weil ich nichts erkennen konnte, das ich falsch machte, blieb mir unbewusst nur die Erkenntnis, an mir müsse irgendetwas grundlegend falsch sein!

Das tat so unendlich weh, dass ich – wie ich rückblickend jetzt weiß – schon als Kind depressiv war.

Von zweierlei war mein ganzes Leben dadurch geprägt:

Einerseits durch die Suche nach diesem „Falschen“ an mir, das schrecklich groß sein musste und ich war dazu allzu bereit, auch nur die geringste Schwäche an mir als riesengroßen Makel bzw. Defekt zu sehen; Andererseits durch das Bemühen, meine Mutter – oder ersatzweise irgendjemanden sonst – von meiner LiebensWÜRDIGkeit zu überzeugen.

Welche Folgen hatte diese erste toxische Beziehung für mein Leben?

Als Pädagogin weiß ich (heute):

Jedes Kind braucht für seine Entwicklung die bedingungslose Liebe der Mutter. (Da es mir – gerade durch die persönlichen Erfahrungen so wichtig ist – werde ich auf diesem Blog dem Label „Erziehung“ später Beachtung schenken!)

Wenn ein Kind keine Mutterliebe spüren kann, kann es auch keine Selbstliebe entwickeln, die das Fundament für ein gesundes Selbstwertgefühl ist, wie ich kürzlich gelesen habe.

Und so war das auch bei mir!

Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Selbstliebe – Was ist das eigentlich?

Selbstvertrauen…

ist etwas, was ich wenigstens teilweise immer hatte:

Es ist für meine Begriffe das Bewusstsein, sich auf eigene Kompetenzen verlassen zu können. Gottlob durfte ich immer wieder im Leben die Erfahrung machen: „Hey, dies oder jenes kannst du aber (gut)!“ Oder: „Super, das ist dir wirklich gut gelungen!“ Solche Erfolgserlebnisse hatte ich zum Beispiel in der Schule, im Studium oder später im Beruf.

Allerdings waren das oft Dinge aus dem Bereich „Leistung“, was leider zu einem weiteren toxischen Glaubenssatz in mir führte:

Du bist (nur) dann etwas wert, wenn du Leistung bringst!

Und schon sind wir zwangsläufig beim Begriff….

Selbstwert:

Man kann nämlich durchaus in manchen Bereichen Selbstvertrauen haben und doch kein Selbstwertgefühl! Das war zeitlebens mein Grundproblem!

Selbstwertgefühl interpretiere ich persönlich als die tief empfundene Gewissheit:

„Ich bin wertvoll!

Oder aber auch: „Ich bin etwas wert! Ich bin nicht wertlos!“

Wesentlich anspruchsloser formuliert: „Ich genüge!“

Da ein fehlendes Selbstwertgefühl zeitlebens mein Grundproblem war und ich empfinde, dass Selbstwertgefühl und Selbstliebe ganz eng einher gehen, möchte ich dabei noch bleiben und mich intensiver damit auseinandersetzen.

Leider ist es nämlich in unserer Gesellschaft grundsätzlich so, dass wir offenbar erst etwas leisten müssen, beziehungsweise uns durch etwas auszeichnen müssen, bevor wir als „wertvoll“ empfunden werden und uns auch selbst so empfinden dürfen:

Wir müssen anscheinend dem geltenden Zeitgeist entsprechend erst schön, schlank, begehrenswert, klug, „cool“, sportlich, erfolgreich, charmant, nützlich…. SEIN um einen Wert beigemessen zu bekommen. Diese willkürliche Liste ließe sich natürlich unendlich fortsetzen. Und genau das ist meiner Meinung nach die Fehlannahme, die große Missinterpretation des Begriffs.

Denn Selbstwert heißt, dass jeder einzelne Mensch einen Wert in sich selbst hat, und zwar ohne etwas (Besonderes) sein oder tun zu müssen. Der Wert eines Menschen wird ihm nicht von anderen gegeben und kann ihm daher auch nicht von jemandem genommen werden. Er ist nicht an Bedingungen geknüpft und von nichts abhängig. Jeder Mensch ist wertvoll von Beginn seiner Existenz an – allein durch sich selbst und in sich selbst.

Insofern ist es auch völlig unwichtig, ob dich jemand liebt oder als liebensWERT empfindet, denn das bist du als Mensch von Geburt an. Dafür musst du nichts Besonderes tun, nichts leisten, nichts Besonderes sein!

Es ist mir in diesem Zusammenhang ein Herzensanliegen zu betonen, dass dieses Menschenbild ein zutiefst Christliches ist!

Wie schade ist es und wie fatal, dass diese zutiefst liebevolle Botschaft immer mehr in Vergessenheit bzw. „aus der Mode“ gerät!

Selbstliebe….

ist für mein Empfinden eine riesige Herausforderung, ein ganz großer Anspruch! Liebe ist an sich ein großes Wort. Es kommt mir bist heute oft ziemlich arrogant, überheblich und narzisstisch vor, mich selbst zu lieben.

Aber vielleicht hat man schon ganz viel erreicht, wenn man sich erst einmal selbst akzeptieren und dann mögen kann?

Kann man Selbstliebe lernen?

Was gehört dazu? Für mich waren das zweierlei Dinge:

Zum einen die Aussöhnung mit den Schwächen, die ich wie jeder Mensch auch habe. Ich habe versucht, nachsichtiger mit mir zu sein und mit meinen leidlichen Fehlern Frieden zu schließen. Niemand ist perfekt, ich bin es auch nicht – und das ist gut so!

Das muss ja nicht gleich heißen, dass man nun seine Macken glorifiziert und pflegt! Das wäre das andere Extrem. Natürlich darf und soll man liebevoll (!!!) weiter an sich arbeiten und in manchen Bereichen kann das sicherlich auch ratsam sein.

Ich vergleiche das gerne mit einer liebevollen Mutter, die ich mir nun selber bin: Eine liebevolle Mutter liebt ihr Kind nicht weniger, weil es Schwächen hat und Fehler macht. Sie liebt es trotz seiner Fehler und Schwächen. Das heißt aber nicht, dass sie blind alles gutheißt und unterstützt, was ihr Kind so tut. Sie erzieht liebevoll, aber konsequent, nicht obwohl sie liebt, sondern WEIL sie liebt. Auch das scheint aber nicht mehr grundsätzlich dem Zeitgeist zu entsprechen!

Zum anderen übe ich mich täglich darin, meine Stärken als solche zu erkennen und den Fokus mehr auf das zu richten, was ich wirklich gut kann als auf das, was ich weniger gut kann. Ich bemühe mich jeden Tag mehr auf das zu schauen, was ich schaffe, statt auf das, was ich nicht schaffe. Heute liege ich abends im Bett und rufe mir bewusst meine kleinen „Erfolge“ des Tages in Erinnerung. Es gelingt mir immer besser und ich kann mich jetzt schon viel eher darüber freuen. Früher war das umgekehrt: Ich konnte nicht einschlafen, weil ich ständig mit mir haderte, was ich wieder alles nicht geschafft hatte!

Noch vor wenigen Monaten gab mir meine Therapeutin den Auftrag, ich solle bis zur nächsten Sitzung all das aufschreiben, was ich an mir gut finde oder was ich an mir mag. Zwei Wochen lang fiel mir nichts, aber auch gar nichts dazu ein! Und wenn mir etwas einfiel, dann sperrte sich alles in mir, das aufzuschreiben, weil es mir so arrogant und überheblich vorkam, mich selbst zu „beweihräuchern“.

Was hier geholfen hat, waren die „Honigduschen“ wirklich guter Freunde, die ich dazu befragt hatte.

Und der Zusammenhang zu toxischen Beziehungen?

„Grundsätzlich haben Menschen, die sich selbst keinen großen Wert beimessen, immer das Gefühl, sie müssten ganz viel dafür tun, um die Menschen, die sie lieben, in ihrem Leben zu halten. Alleine daraus entstehen die furchtbarsten Schicksale.“

… schreibt Monika Celik in ihrem hilfreichen Buch „Kaltes Herz“, das ich allen Betroffenen, die noch in toxischen Beziehungen stecken, sehr empfehlen kann.

Genauso habe ich es auch erlebt:

Weil ich mir selbst keinen Wert beimessen konnte, weil ich mich selbst nicht als liebenswert empfand und mich so sehr nach Liebe sehnte, war ich nur allzu bereit, mir diesen Wert von anderen geben zu lassen und einen immens hohen Preis dafür zu bezahlen!

Wenn man sich selbst keinen Wert beimisst, dann ist man sehr in Gefahr, anderen recht unkritisch einen deutlich höheren Wert als sich selbst beizumessen. Wenn man eigene Bedürfnisse nicht so ernst nimmt und gelernt hat, sie hintenan zu stellen, dann hat man wirklich ein Problem, wenn man auf jemanden trifft, dem es nur um die eigenen Bedürfnisse geht. Schnell gerät man dann bei einem toxischen Partner in eine Abwärtsspirale aus Ausbeutung, Überforderung und absoluter Missachtung jeglicher Grenzen.

Bei dem tief empfundenen Wunsch, endlich einmal für jemanden wertvoll zu sein und von jemandem wirklich geliebt zu werden, fällt man zurück auf alte Glaubenssätze wie etwa den, dass man dafür viel leisten oder gar leiden muss. Dann tanzt  man den altvertrauten Tanz aus seiner Kindheit und opfert sich selbst auf.

Nur wenn man sich selbst respektiert, wird man sich zur Wehr setzen, wenn andere einen respektlos behandeln.

Nur wenn man wirklich begriffen hat, dass der eigene Wert nicht von der Meinung anderer abhängig ist, wird man sich davon nicht abgewertet fühlen.

Nur wenn man sich selbst liebt, ist man nicht mehr abhängig von der Liebe anderer Menschen. Man genügt sich selbst und ist nicht „unvollständig“, nur weil man keinen Partner hat. Dann ist Beziehung ein Plus, Ein Sahnehäubchen extra oben drauf, aber keine Notwendigkeit, von der das Lebensglück abhängt und wofür man sich aufopfern muss.

Ich übe mich daher gerne weiter in Sachen „Selbstliebe“. Dabei habe ich Geduld mit mir, denn der Weg dahin ist lang. Doch auch Schritt für Schritt kommt man voran:

Besonders hilfreich dabei ist für mich auch der Austausch in „unserer“ FB-Selbsthilfegruppe „Narzisstischen Missbrauch überwinden“.

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Bis bald
Eure Quintilia