Selbstliebe bei Narzissten und Co

Vor einigen Tagen las ich einen Artikel in einem eigentlich sehr guten Magazin über Narzissten und ihre Selbstliebe – und ich war ziemlich erschrocken darüber. Sie seien ja irre verliebt in sich selbst, hieß es darin. Mir sind schon viele Narzissten begegnet, aber ganz ehrlich: Darunter war keiner, der sich selbst geliebt hätte. Sie mögen den Anschein erwecken, dass sie nichts auf dieser Welt so toll finden und so sehr lieben wie sich selbst. Aber eigentlich sind Narzissten von Komplexen und Selbsthass beherrscht. Das ist ja genau der Grund dafür, aus dem sie so viele Dinge tun, die sie tun.

Ein Mensch, der sich selbst liebt …

… braucht keine Bestätigung von außen oder von einem Beziehungspartner. Er liebt sich einfach selbst genug um dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht. Dem anderen aber auch. Damit es beiden zusammen gemeinsam noch besser gehen kann. Gesunde Menschen wissen, dass eine Partnerschaft, in der man sich gegenseitig respektiert, liebt und achtet, eine wichtige Basis im Leben ist. Ein psychisch gesunder Mensch stellt nicht das Wohl des Partners über sein eigenes, aber nimmt es mindestens genauso wichtig. Wird sich daher stets bemühen, für Harmonie zu sorgen. Das bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gäbe – doch, die gibt es in einer gesunden Beziehung. Das sind die Gelegenheiten, bei denen beide Partner ihre Bedürfnisse auf den Tisch legen, Grenzen setzen und Wege miteinander finden. Situationen, in denen Partner, die sich auf Augenhöhe befinden, aneinander und als Paar miteinander wachsen.

Ein Narzisst liebt sich aber nicht selbst

Er oder sie braucht die Bestätigung von außen, am liebsten durch einen Partner, der sie geben kann. Da sprechen wir immer wieder von „narzisstischer Zufuhr“. Wenn du einem Narzissten stets das Gefühl gibst, dass er/sie der Mittelpunkt deines Lebens ist, du ihn oder sie abgöttisch liebst, ist das genau das, was dieser Mensch braucht, weil er selbst keine Bestätigung für sich produzieren kann. Zu Anfang einer Beziehung wird ein narzisstischer Mensch dich noch hofieren und in den Himmel heben, weil er/sie genau das erreichen will: Du sollst diesen Menschen lieben, und zwar ohne Einschränkungen, ihn bewundern, einfach nur toll finden. Und dann kommt der Tag, an dem der narzisstische Mensch sich sicher genug fühlt, sich zumindest bei dir groß genug fühlt, und genügend narzisstische Zufuhr erhalten hat, sich nun also keine Mühe mehr geben muss. Die narzisstische Zufuhr, die er/sie durch deine Liebe und deine Bewunderung erhält, reicht nun nicht mehr. Es ist nie genug, man gewöhnt sich nämlich an alles.

Und dann kommt die Abwertung

Deine Abwertung. Plötzlich siehst du dich damit konfrontiert, dass du alles Mögliche falsch machst, einfach blöd bist, froh sein musst, dass dieser Mensch dich überhaupt in sein Leben gelassen hat. Ich schrieb eben „plötzlich“, jedoch ist es meist ein eher schleichender Prozess. Die narzisstische Zufuhr in Form von Liebe und Bewunderung genügt nun nicht mehr. Die narzisstische Person in deinem Leben erhöht sich jetzt selbst, indem sie dich abwertet, niedermacht, dir in völlig unterschiedlichen Situation immer wieder klar macht: Du bist nichts – ich bin alles. Du machst nichts mehr gut genug. Du bist nicht mehr hübsch oder attraktiv genug. Du kannst dieses nicht und jenes auch nicht. Was vorher an dir liebenswert war, ist jetzt auf einmal ganz grottig. Du selbst wirst immer kleiner, das Ego des narzisstischen Menschen in deinem Leben scheint hingegen immer größer zu werden. Narzissten nutzen jede Gelegenheit um dir zu versichern, dass du sie brauchst, dass du ohne sie ein Nichts bist und nichts auf die Reihe kriegst.

Narzissten lieben sich nicht selbst. Andere sollen das tun, um das Loch in ihrer Seele zu stopfen, denn das ist der Punkt: Dieses tiefe, tiefe Loch in der Seele, das so grauenhaft leer ist und das nur durch narzisstische Zufuhr gestopft werden kann. Aber das kann kein Mensch dauerhaft, weil da eben noch der Gewöhnungseffekt ist. Wo heute noch Liebe und Bewunderung ausreichte, muss es morgen das Gefühl sein, den Partner oder die Partnerin im Staub zu den eigenen Füßen zu sehen, um sich besser zu fühlen. Doch egal was diese Menschen auch tun, um sich die Zufuhr zu holen, die sie so dringend brauchen: Es endet immer wieder damit, dass das tiefe Loch in ihrer Seele ihnen immer und immer wieder schmerzlich bewusst wird. Damit der Schmerz verschwindet, muss also ein entsprechender Kick her.

Du meinst, Liebe sei das Heilmittel?

Ist es nicht. Es ist ein schöner Gedanke, dass man alles Schlechte dieser Welt mit Liebe heilen kann, denn Liebe kostet nichts und wird ja gerne so dargestellt, als seien alle Menschen dieser Welt dazu fähig. Sind sie aber nicht. So mancher Mensch fühlt schlichtweg gar nichts, weder für sich selbst, noch für andere, auch wenn das kaum vorstellbar erscheint. Und so jemanden erreicht man mit all seiner Liebe nicht. Er/sie weiß sie weder zu schätzen, noch könnte sie ihn/sie heilen. Das ist, wie wenn du jemandem ein wunderschönes Buch hinlegst in japanischer Sprache. Der freut sich. Ein total schönes, neues Buch. Aber er kann es nicht lesen, weil er kein japanisch spricht. Sieht aber im Regal klasse aus. Hängt das Herz dran? Nein, nach einer Weile hat man sich ja an den Anblick gewöhnt und fragt sich, was man damit soll, denn es schenkt überhaupt keine Zufriedenheit, beruhigt nicht, man hat einfach nichts davon.

Nimm einem Narzissten mal die ganze Zufuhr weg …

Was glaubst du, bleibt da noch übrig von einem narzisstischen Menschen? Wenn du ihm all das nimmst, was von außen kam, also gar nicht intrinsisch bedingt ist? Ein Mensch, der sich selbst liebt, kommt wieder auf die Füße. Ganz alleine, vielleicht mit ein paar guten Freunden an seiner Seite, einer Familie. Ein Mensch, der sich selbst liebt, wird eine Möglichkeit finden, sich zu stabilisieren, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Liebe Menschen im Umfeld sind hilfreich, doch letztlich können Menschen, die sich selbst lieben, sich auch selbst wieder motivieren und zurück ins Gleichgewicht bringen. Sie wissen wer sie sind, was sie können, sie kennen ihre Stärken und sie können sich auch sehr gut mit sich selbst beschäftigen.

Ein narzisstischer Mensch hingegen wird sich erneut jemanden suchen, der ihn/sie bestätigt, toll findet, bewundert, liebt. Wie viel Liebe kann so jemand denn für sich selbst empfinden? Ein Narzisst hat irgendwann in seinem Leben – zweifelsohne auch durch schwere Verletzungen seiner Seele – gelernt, dass es ihn (für einen Moment) glücklich macht, wenn er geliebt, bewundert, hofiert, einfach für toll befunden wird. Ein Narzisst fühlt sich deswegen auch nur dann gut, wenn er genau so was in seinem Leben hat. Aber irgendwann reicht alleine das dann auch nicht mehr, um ihm/ihr ein gutes Gefühl zu verschaffen, denn alles, was täglich da ist, sind Dinge, an die sich der Mensch gewöhnt. Und dann kommt die Selbsterhöhung durch die Abwertung anderer Menschen. Narzissten sorgen also mit diesem Verhalten dafür, sich selbst zu beweisen, dass sie ja doch ganz toll sind. Das hat doch ein Mensch mit ausreichender Selbstliebe gar nicht nötig!

Wenn du einem narzisstischen Menschen all die Bewunderung und positiven Erlebnisse mit anderen Menschen nehmen könntest, würde nichts übrig bleiben. Nichts! Da würde ein Kartenhaus zusammenbrechen, das andere Menschen wieder aufbauen müssten. Sprich, das nächste Opfer, das für die so dringend benötigte Zufuhr sorgen müsste. Daher können narzisstische Menschen auch überhaupt nicht damit umgehen, wenn man sie kritisiert oder auf Dinge anspricht, die ihnen unangenehm sind, in der sie von ihrer Position abweichen müssten, vielleicht Zugeständnisse machen müssten. Sie wollen als fehlerlos gelten, Kritik setzen sie gleich mit Abweisung und Zurückweisung. Kritik erinnert sie an das, was sie so verzweifelt zu verdrängen versuchen, nämlich ihre Unfähigkeit, sich selbst so zu akzeptieren wie sie sind, mit allen Fehlerchen und Macken, die jeder normale Mensch ja hat. Scham spielt bei Narzissten eine ganz große Rolle. Ja, sie schämen sich sehr schnell, für alles, was schiefgeht, für alles, was sie nicht hinbekommen haben, für Dinge, die sie nicht können und auch für jeden kleinen Fehler, über den ein gesunder Mensch einfach lachen und ihn unter „Erfahrungen“ verbuchen würde. Kritik berührt daher immer die Schamgrenze und dann werden Narzissten furchtbar zornig, denn das Schamgefühl empfinden sie als unerträglich.

Gesunde Selbstliebe

Sie ist intrinsisch, das heißt, sie kommt von innen. Das sind nicht die Menschen, die an keinem Spiegel vorbeigehen können, ohne sich selbst zu bewundern, sondern die, die wissen, dass sie den Spiegel nur zum schminken oder frisieren brauchen. Gesunde Selbstliebe bedeutet, auf sich und das eigene Wohlbefinden zu achten, sodass man sich wohl und glücklich fühlt aufgrund der Lebensumstände, die man für sich geschaffen hat, ob nun im Job, im Freundeskreis, in der Familie oder in der Nachbarschaft – am besten überall. Menschen mit gesunder Selbstliebe können sehr gut Grenzen ziehen und tun das freundlich, aber bestimmt. Sie betrachten aber auch die Grenzen anderer Menschen als selbstverständlich. Ein Mensch mit genügend Selbstliebe kann prima über sich selbst lachen, wenn etwas schiefgeht.

Gesunde Selbstliebe, die von innen kommt, wird auf harmonische Beziehungen großen Wert legen und es nicht nötig haben, andere Menschen abzuwerten, nur um selbst besser dazustehen.

Mangelnde Selbstliebe oder Selbsthass?

Ich weiß es auch nicht, ob Narzissten unter mangelnder Selbstliebe leiden oder, wie manche Menschen sagen, einen regelrechten Hass auf sich selbst haben. Wahrscheinlich kommt beides vor und mit großer Sicherheit gibt es dazwischen auch noch tausend Nuancen. Narzisst ist nicht Narzisst, jeder ist anders. Aber Tatsache ist: Ein Mensch, der sich selbst liebt, wird niemals andere Menschen dazu benutzen, sich gut oder zumindest besser zu fühlen.

Ich mag aber auch noch mal auf den Spiegel zurückkommen: Doch, mir sind schon so einige höchst narzisstische Menschen begegnet, die an keinem Spiegel vorbeigehen können. Menschen, die tatsächlich gut aussehen und das auch von sich wissen. Das hat aber nichts mit Selbstliebe zu tun, sondern wohl eher mit einer optischen Selbstverliebtheit – die noch jede Menge Bestätigung von außen braucht, weil nur das hübsche Spiegelbild eben auch nicht ausreicht.

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