Psychopathen auf Netflix: „You – du wirst mich lieben“ – Staffel 2

Psychopathen auf Netflix: „You – du wirst mich lieben“ – Staffel 2

Die Frage ist, warum man sich als Mensch, der narzisstischen Missbrauch erfahren hat, mit Serien und Filmen auseinandersetzt, die mit Psychopathen, Soziopathen und Narzissten zu tun haben. „Man“ tut es aber, vielleicht ist es die Faszination des Grauens. Vielleicht aber auch, weil man gerade bei Filmen und Serien mal nicht konzentriert Bücher liest mit psychologischem Inhalt, sondern die Rolle des Beobachters einnehmen kann, ganz bequem vom Sofa aus. Filme und Serien, die man inhaltlich trotzdem besser einordnen kann, wenn man entsprechend viel gelesen und selbst miese Erfahrungen machen musste. Und so erkläre ich mir auch den Erfolg solcher Werke. Der Mensch ist neugierig und möchte verstehen. Dazu hat Netflix derzeit so einiges im Angebot. 

Ich war mir gar nicht sicher, ob ich Staffel 2 sehen will

Aber ich habe mir die zweite Staffel dann doch angesehen, denn ich fragte mich tatsächlich nach der ersten Staffel (Rezension hier), was denn da noch kommen könnte. Und wann man den offensichtlichen Psychopathen Joe Goldberg erwischt. Erwischt man ihn überhaupt? Das wäre mir ja ein Trost gewesen, gerade mit Blick auf Staffel 1. Über die ich mich sehr geärgert habe, weil hier die Tätersicht so glorifiziert wurde. Ich hatte in Staffel 1 wirklich das Gefühl, dass hier Verständnis für einen Psychopathen erzeugt werden soll und davon gehe ich auch nach Staffel 2 noch aus.

Die Idee von Liebe

Joe Goldberg ist besessen von dem Gedanken an die wahre Liebe und er hat seine genauen Vorstellungen davon, wie Liebe zu sein hat. Allumfassend, eine absolute Einheit sucht er in einer Beziehung zu einer perfekten Partnerin. Wir beide gegen den Rest der Welt. Das Problem an Joe Goldberg ist, dass er sehr schnell merkt, dass die Frau, die er sich ausgesucht und zu Beginn total idealisiert hat, eben nicht perfekt ist. Obwohl er doch bereit ist, so viel für sie zu tun! Sie ist sein erster Gedanke, wenn er aufwacht und sein letzter, wenn er schlafen geht. Alles würde er für diese Frau tun, das haben wir schon in Staffel 1 in seiner Beziehung mit Becks gesehen. Er stellt sich total auf seine perfekte Frau ein. Aber … es genügen schon kleinste Fehler und Joe ist frustriert. Auch wenn er stets bereit ist, für ihn faule Kompromisse zu machen. Es gibt da ein paar Regeln, die sich bereits durch Staffel 1 ziehen, aber auch in Staffel 2 wieder als deutliches Muster aufgezeigt werden:

  • Wenn er dich will, kriegt er dich auch, denn er ist charmant und gibt nicht auf, bis er am Ziel ist. Dafür stalkt er dich und zeigt sich als genau der Partner, den du dir gewünscht hast.
  • Du kannst ihn nicht verlassen, denn dann ist er unglücklich, stalkt dich, ist entsetzt, weil er nur noch alles sieht, was an dir alles schlecht ist, und am Ende tötet er dich.
  • Du kannst aber auch nicht bei ihm bleiben, denn du bist ja nicht perfekt und wirst ihn daher früher oder später unglücklich machen, dann tötet er dich auch.

Also wie auch immer man es dreht oder wendet, am Ende tötet er. Es sei denn, er trifft auf Menschen, die genauso psychopathisch sind wie er selbst, ihm also quasi einen Spiegel seiner selbst vorhalten. Dann ist er allerdings angewidert über die heftigen, menschlichen Abgründe eines Psychopathen. Und genau das passiert in Staffel 2. In Staffel 1 haben mich diese für den Täter so Verständnis heischenden Monologe angewidert, die Joe ständig führt. In Staffel 2 hingegen fand ich die ganz unterhaltsam, zumal sich schon recht schnell das Gefühl einschleicht: „Jetzt bist du auf deine Meisterin getroffen, Joe!“ Fast könnte er einem leid tun, aber den Gedanken schüttelt man besser wieder ab, denn dann passiert wieder das, was man echt nicht haben will: Verständnis zu entwickeln für einen Täter. Für einen in diesem Fall sogar kranken Serienmörder, dem man nicht mal eine Dependenz unterstellen kann, so gerne man es auch möchte: Aber egal wie abhängig er von einer perfekten Beziehung zu einer perfekten Frau ist, so unabhängig zeigt er sich dann, wenn er sich davon befreien will. Der nette Kerl von nebenan, der auch wirkt wie der nette Kerl von nebenan ist so ziemlich alles, nur eben nicht der nette Kerl von nebenan.

Jeder trifft mal seinen Meister – Achtung, Spoiler!

Zumindest hier scheint es so zu sein. Joe Goldberg verlässt New York, nimmt eine neue Identität an und begibt sich nach Los Angeles. Er taucht da zwar nur mit einem Rucksack auf, aber der Käfig aus Sicherheitsglas, in dem seine bisherigen Opfer dann mal in sich gehen sollten, bevor er sie (in der Regel) tötete, schafft es irgendwie auch dorthin. In irgendeine Lagerhalle. Fällt auch wenig auf, wenn man so was quer durch Amerika transportieren lässt.

Candice, die Ex, von der wir bisher davon ausgegangen sind, dass er sie getötet hat, taucht wieder auf und erweist sich als Rache suchendes Miststück, das nun angeblich „Amy“ heißt und sich gezielt an den Bruder von Joes, nein, jetzt heißt er ja Will Bettelheim, neuer Liebe, ranschmeißt: Love, Tochter reicher Hippie-Eltern und Zwillingsschwester von Forty, der süchtige, immer bedürftige Bruder, der irgendwie nichts auf die Reihe kriegt. Hippie-Eltern, die inzwischen sektenmäßig total spirituell abgedriftet sind.

Wir beschützen, was wir lieben

Aber wie weit ist man dafür bereit zu gehen? Der Faden „aus Liebe beschützen“ zieht sich durch die gesamten zehn Folgen. Joe, nein Will, beschützt was er liebt. Forty schützt was er liebt, wenn auch eher hilflos. Amy, nein, halt „Candice“, wird nun auch als Durchgeknallte sichtbar, die wohl auch nicht erst durchgeknallt ist, als Joe sie in seiner Vergangenheit und vor Staffel 1, lebendig begraben hat, was sie jedoch überlebte. Ihr glaubte nur keiner, als sie versucht hat, Anzeige zu erstatten, denn ihre Akte ist auch nicht so richtig hübsch. Die Mutter von Love und Forty ist ebenfalls nicht so ganz frisch, führt sie mit ihrem neuen Schwiegersohn direkt nach dem Kennenlernen Gespräche über ihre Vagina, was Joe ein heftiges Unwohlsein beschert. Und Love gibt sich bereits ab der ersten Folge die allergrößte Mühe um Joe zu zeigen, dass sie die perfekte Partnerin für ihn ist: Sie kocht extra für ihn und mit sehr viel Liebe – so was kennt er gar nicht, und lässt sich nun schnurrend in diese so perfekte Beziehung zu dieser perfekten Frau fallen. Ja, irgendwie wird er von Love ganz schön verwöhnt. Da ist der Name dann wohl Programm. Und sie schützen sich alle gegenseitig: Love ihren Bruder und ihre Beziehung, Joe seine Beziehung und ebenfalls den Bruder, weil klar ist, dass das seine Beziehung schützt und erhält. Forty beschützt seine Liebe zu Amy, mehr schlecht als recht, aber er ist ja ohnehin eher der, der Schutz braucht. Und die durchgeknallten, reichen Sekteneltern schützen durch ihr Vermögen und ihren Einfluss ihre beiden erwachsenen Kinder, egal was sie anstellen und reden ansonsten gerne über karmische Grundsätze.

Joe will ja erwachsen werden – und da ist die Mutter

In irgendeiner Kritik wurde Joes Mutter zu einer starken und cleveren Frau erklärt. Ich persönlich sehe sie anders: Ein schwaches Weibchen, ziemlich bedürftig, das immer die „Liebe“ eines Mannes braucht. Liebe in Anführungszeichen, weil ihre Beziehungen in der Regel alles andere als spaßig sind. Man sieht sie auf der Flucht mit dem kleinen Joe, der nur sein Lieblingsbuch mitnehmen darf und die nötigsten Sachen – so taucht er auch als Erwachsener in Los Angeles auf. Man sieht sie aber vor den Augen des kleinen Jungen mit einem Mann flirten und schüttelt sich, als sie dem kleinen Joe erklärt, er solle genau da sitzen bleiben wo er gerade ist (war das ein Waschsalon?), denn sie käme bald wieder um ihn abzuholen. Und dann haut sie ab, Arm in Arm mit einem wildfremden Kerl. In späteren Folgen wird klar, dass der kleine Joe sie auch vor irgendeinem Gewalttäter geschützt hat, indem er diesen erschossen hat. Traumatisches Erlebnis für einen so kleinen Jungen. Und Mutter hat ihn geschützt, Tatwaffe und Leiche wohl verschwinden lassen, letztlich aber auch Joe, um den sie sich dann nicht mehr kümmern konnte. Und das war ja nur zu seinem Besten. So wie ihre permanente Suche nach einem Mann, denn in irgendeiner Szene erklärt sie dem kleinen Joe, dass er doch schließlich einen Vater braucht. Und nur deswegen hält sie diese ganzen miesen Kerle immer so lange aus, jawohl. Ob sie clever ist, kann ich so nicht beurteilen, auf jeden Fall findet sie immer Gründe für ihre dämlichen und co-abhängigen Verhaltensweisen. Obwohl sie dem kleinen Joe nach jedem Kerl verspricht, dass es ab heute nur noch sie und ihn geben wird. Und da haben wir sie ja schon, die Ursache: Das gestörte Mutterbild, die gestörte Mutterbeziehung, und schaut man genau hin, erkennt man schon, dass Joe im Grunde immer für Frauen brennt, die seiner Mutter optisch ähneln.

Jetzt will er aber erwachsen werden, hier in Los Angeles. Auch wenn der Glaskäfig mit musste. Man weiß ja nie, ob man den nicht doch noch mal braucht. Aber Joe will all das Blut hinter sich lassen, all das Morden. Er sucht doch nur eine Beziehung, eine Frau die ihn so sehr liebt wie er sie. Und fast hat man schon Mitleid mit ihm, spätestens als man merkt, wie durchgeknallt Love wirklich ist. Letztlich aber weiß man nun auch, warum er stets denkt, er würde zum Besten seiner Opfer handeln.

Interessantes Staffelende

Tatsache, das hätte ich nicht gedacht, dass mich das Ende von Staffel 2 neugierig machen könnte auf Staffel 3, die ganz sicher noch kommen wird. Ist aber nun passiert. Es lief nun alles mal umgekehrt. Joe hat sich nicht genommen, was er wollte, sondern er wurde genommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nach all ihrem Wahnsinn gesteht ihm Love, dass sie ein Kind erwartet. Und Joe, der eigentlich angewidert von seinem Spiegelbild, das er in ihr erkennt, am liebsten vor ihr flüchten würde, wird mächtig angetriggert, denn ein Kind braucht schließlich einen Vater. Und so sehen wir ihn am Ende von Staffel 2 in einem hübschen Haus, mit einer hochschwangeren Love, die ihn glücklich an der Haustür begrüßt, wenn er von der Arbeit kommt. Eine hochschwangere Love, die ihn mit Liebe bekocht und alles dafür tut, dass er glücklich ist. Und Joe ahnt, dass er auch glücklich sein muss, dass er perfekt sein muss, um sie nicht gegen sich aufzubringen. Schon wieder gibt es jemanden zu schützen, diesmal das noch ungeborene Kind. Und Joe sitzt am Ende nun in seinem eigenen Käfig, wenn auch offiziell nur in diesem hübschen Haus. Aber gibt es ein Entrinnen? Wohl kaum. Aber da ist ja noch die Nachbarin … das Ende bleibt offen, weil es wohl der Anfang von Staffel 3 sein wird. Zur um Verständnis heischenden Erzählform kann ich nur sagen, dass ich auch in Staffel 2 noch genau diesen Eindruck hatte. Sch**** auf die Opfer, Hauptsache man kann die Motive der Täter erkennen. Auch wenn man sich innerlich freut, dass Joe offenbar auf seine Meisterin getroffen ist. Die man allerdings auch verstehen können soll. Kann ich leider nicht und will ich auch nicht.

Bild: Pixabay.com / GLady