Narzisstischer Missbrauch: Kein Mitleid bitte!

Narzisstischer Missbrauch: Kein Mitleid bitte!

 

Warum Mitleid uns nicht weiter bringt und warum es in narzisstischen Beziehungen fehl am Platz ist: Ein Gastbeitrag von Quintilia

Ich will mich ja trennen, aber dann bekomme ich wieder Mitleid mit ihm…..“

Ich würde den Kontakt ja abbrechen, aber dann tut sie mir Leid ….“

Nicht selten liest man Sätze wie diese in unserer Selbsthilfegruppe.

Ein fatales „Ja, aber….“ und eine typische Falle auf dem Weg in die Eigenverantwortung und Selbstfürsorge.

Warum? Was ist so falsch an Mitleid?

Wer Mit-Leid hat, leidet im wahrsten Sinne des Wortes mit, fühlt den fremden Schmerz und das Leid des anderen, als wäre es sein eigenes. Wer Mitleid hat verschmilzt also emotional mit der anderen Person und versinkt deshalb mitunter selbst ins Leiden, in Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Angebrachter wäre es, Mitgefühl zu haben. Das heißt, dass man zwar die Gefühle der anderen Person nachvollziehen kann, diese jedoch nicht zu seinen eigenen macht. Statt einer emotionalen Verbindung blickt man dann von einem objektiven Standpunkt aus auf die Situation. Nur so bleibt man handlungsfähig und zuversichtlich.

Es ist also äußerst fragwürdig, ob es überhaupt Menschen gibt, mit denen wir Mitleid haben sollten oder ob es nicht besser wäre, den Begriff „Mitleid“ grundsätzlich aus dem eigenen Wortschatz zu streichen und besser durch „Mitgefühl“ zu ersetzen.

Woher kommt aber das Mitleid mit dem narzisstischen Gegenüber?

Persönlichkeitsstörung? – Ach, der/die Arme!

Betroffene in narzisstisch geprägten Beziehungen können sich heute allerorten über die Hintergründe der narzisstischen Persönlichkeitsstörung informieren. Sie lesen von Empathielosigkeit, geringem Selbstwert, womöglich verursacht durch belastende Erfahrungen in der Kindheit…. So gesehen kann der andere ja gar nicht anders, ist selbst ein Opfer seiner Umstände und hat dann doch vor allem eins verdient: Unser Mitleid! Denn genau so, nämlich ohne Empathie und wirkliche Gefühle wollen wir doch gerade nicht sein.

Emotionale Erpressung: Schau, wie schlecht es mir geht!

Nicht selten haben Menschen mit narzisstischen Merkmalen eine Taktik ganz hervorragend in ihrem schier unerschöpflichen Repertoire der manipulativen Strategien: Die emotionale Erpressung!

Das heißt, sie manipulieren ihre „Opfer“ dahingehend, dass diese unter einen enormen Verantwortungsdruck geraten und massive Schuldgefühle verspüren, wenn sie die gestellten Forderungen nicht erfüllen.

Und eine dieser Forderungen könnte sein: „Mach DU, dass es mir gut geht!“

Nicht selten nehmen Betroffene gerade diesen Auftrag an, auch wenn er nicht einmal so offensichtlich angesprochen wird. Warum?

Hilfsbereitschaft oder Helfersyndrom?

Wir fühlen uns zu denen hingezogen, die bedürftig sind, identifizieren uns einfühlsam mit ihren Leiden und versuchen, diese zu lindern – und oft tun wir all dies, damit es uns selbst besser geht.“ (Robin Norwood: Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht gebraucht zu werden.)

Hilfsbereitschaft, eine dieser wundervollen, viel gepriesenen Tugenden ist also womöglich gar nicht so altruistisch, so edel, so uneigennützig wie wir eigentlich dachten?

Schon der Untertitel des zitierten Buches legt dies nahe. Handeln wir nur deswegen so, wie wir eben handeln, weil wir gebraucht werden wollen? Weil es uns guttut? Weil wir Bestätigung erfahren wollen, auf die jeder Mensch angewiesen ist?

Wow! Nicht immer geht der Blick auf die eigenen Motive ganz schmerzfrei vonstatten und doch ist er heilsam und zielführend auf dem Weg in die Heilung nach narzisstischem Missbrauch.

Mitleid und Hilfsbereitschaft zur Bestätigung des Selbstwerts?

Wenn unser Selbstwert keiner ist, der diesen Namen verdient, sondern eigentlich als „Fremdwert“ bezeichnet werden müsste, dann sind wir stets in Gefahr, für die Bestätigung des eigenen Werts unglaublich viel zu leisten.

Doch immer dann, wenn wir erst etwas leisten müssen, um uns selbst als wert-voll und liebens-wert empfinden zu können, machen wir uns abhängig von anderen und deren Urteil über uns.

Im ungünstigen Fall sind das eben Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägten narzisstischen Eigenschaften oder solche, die unsere Bereitschaft zu geben, hemmungslos ausnutzen.

Ein geringes Selbstwertgefühl leistet emotionaler Erpressung Vorschub!

Im schlimmsten Fall geraten wir in eine Abhängigkeits- bzw. Suchtspirale, aus der wir uns nur unter größten Anstrengungen wieder (selber) befreien können.

Wäre es dann nicht besser, konsequent am eigenen Selbstwert zu arbeiten, statt sich in Mitleid für den anderen aufzuopfern?

Mitleid und Hilfsbereitschaft – erlernte Muster?

Viele Betroffene haben früh gelernt, dass Liebe und Leiden eben zusammengehören und dass man ganz viel dafür tun und erleiden muss, geliebt zu werden:

„Es [zu sehr lieben] bedeutet, den Grad der Liebe zu einem anderen Menschen am Grad der mit ihr verbundenen Qualen zu messen.“
(Robin Norwood: Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht gebraucht zu werden.)

Sollte dem so sein, so haben wir gelernt, dass Liebe eben einen hohen Preis hat bzw. dass das Gebrauchtwerden dem Geliebtwerden am nächsten kommt und müssen uns von diesen falschen Glaubenssätzen erst wieder trennen.

Ebenso kann es sein, dass ein Betroffener / eine Betroffene schon in der Kindheit mit toxischen Eltern mitgelitten hat, in der Hoffnung, die Eltern durch eine Übernahme deren Leides zu entlasten. Wären die Eltern (bzw. die Mutter, der Vater) nicht so belastet gewesen, hätten sie doch womöglich mehr Zeit und Raum gehabt uns endlich entsprechend wahrzunehmen und zu lieben.

Nur wenn es uns gelingt, solche Kindheitsmuster an uns wahrzunehmen, besteht die Chance, dass wir uns von ihnen trennen können.

Mitleid zur Ablenkung von eigenen Themen?

Bereits in der Einleitung habe ich geschrieben: Wer mitleidet ist nicht bei sich, sondern bei jemandem anderen.

Oft wissen Betroffene gar nicht recht, wie sie für ihr eigenes Wohlbefinden sorgen können, sind jedoch sehr erfahren damit, sich für das Wohl der anderen aufzuopfern (siehe Kindheitsmuster).

Wer aber bei anderen hinschaut, muss gerade nicht auf sich selber schauen und für sich selbst einstehen. Wer immer dabei ist, die Probleme anderer Leute zu lösen, hat keine Zeit mehr für die Aufarbeitung der eigenen. Und vielleicht ist das manchmal eine ganz willkommene Ablenkungsstrategie.

Doch bringt uns das weiter?

Mitleid und aufopferndes Helfen zur Abwehr der eigenen Trennungsangst?

Wer anderen unermüdlich hilft, sich sogar dabei aufopfert, sich immer hintenanstellt, der macht sich quasi unentbehrlich.

Womöglich versuchen Betroffene auch auf diesem Wege, einer drohenden Trennung aus dem Weg zu gehen, vor der sie sich doch so sehr fürchten.

Er hätte in der Hilfsbedürftigkeit des anderen somit ein willkommenes, da ja vordergründig so edles und uneigennütziges Alibi, in einer toxischen Beziehung bleiben zu dürfen, ja sogar zu „müssen“.

In Wirklichkeit ist die Motivlage aber doch in diesem Fall höchst egozentrisch.

Leid als transgenerationales Trauma?

Oft ist es auch so, dass hinter einer leidenden Frau viele Generationen von Frauen stehen, die leiden. Ebenso stehen hinter einem leidenden Mann womöglich auch viele Generationen, die leiden. Somit können wir von einem transgenerationalen Trauma sprechen, das in seiner Weiterreichung alle nachfolgenden Generationen leiden lässt. Frei nach dem Motto: „Bei uns leiden alle und keiner steigt hier aus!“ So tun sich Menschen, die mitleiden schwer, weil sie sich erst die Erlaubnis geben müssen, aus diesem Leiden auszusteigen und es besser machen zu dürfen als ihre Ahnen.“
(Margret Maier, ILP®-Fachtherapeutin und systemische Aufstellerin)

Es lohnt sich also hinzuschauen, ob eventuell schon die Mutter den Vater bestenfalls geduldig ertragen hat, ob der Vater die Launen der Mutter ausgehalten hat und wir hier einmal mehr unbewusst Beziehungsmuster übernommen haben, von denen wir uns heute getrost trennen dürfen.

Weg also mit dem Mitleid und hin stattdessen zum Mitgefühl

…und zwar am allerbesten erst einmal für uns selber. Denn wer in toxischen Beziehungen steckt, mag zwar nicht ausschließlich aus wahrer Liebe und Altruismus handeln, hat jedoch ein ernsthaftes Problem. Er oder sie ist die Person, die womöglich täglich psychische Gewalt in Form von Abwertung, Demütigungen, Beleidigungen, falschen Anschuldigungen und Unterstellungen, krankhafter Eifersucht, Fremdgehen erleidet. Er oder sie ist die Person, die womöglich sogar geschlagen, sexuell missbraucht oder vergewaltigt wird.

Wenn DU gerade in einer solchen Situation feststeckst, bist du die einzige Person, der dein Mitgefühl gelten sollte!

Bild: pixabay.com / Sonnenstrahl