Narzissten und ihre Freundschaften

Mein Opa sagte immer: „Hüte dich vor Menschen, die keine Freunde haben.“ Der Begriff Narzissmus war ihm sicher fremd, oder er hielt ihn für das, was die meisten Menschen durch die Mythologie darunter verstehen: Narzissten sind selbst verliebte Menschen. Dass sie das eigentlich nicht sind, wissen wir inzwischen. Dass sie ständige Zufuhr brauchen, um sich gut zu fühlen, wissen wir inzwischen auch. Normalerweise erhalten sie diese Zufuhr auch von Freunden. Dennoch scheinen die meisten von ihnen kein funktionierendes, soziales Umfeld zu haben. Woran liegt das?

Narzissten und das Knüpfen von Kontakten

Narzissten verstehen sich in der Regel auf glanzvolle Auftritte, gleich wo man mit ihnen in Kontakt kommt. Sie stehen oft im Nullkommanix im Mittelpunkt und es fällt ihnen nicht schwer, Kontakte zu knüpfen. Das ist aber nicht generell so, denn es gibt auch eine Menge Narzissten, die erst nach einem längeren Zeitraum als solche identifiziert werden können: Sie wirken bescheiden, halten sich eher im Hintergrund, sind etwas unsicher, Kontakte zu knüpfen ist für sie nicht so leicht. Wenn sie neue Menschen kennenlernen, liegt das meist daran, dass sie jemand „mitreißt“. Die Unterschiede haben mit dem gesellschaftlichen Stand zu tun, mit dem eigenen Aussehen, mit der finanziellen Situation und vor allem mit der Tatsache, dass man zwischen offenen und verdeckten Narzissten unterscheiden muss. Auch verdeckte Narzissten spielen sich gerne in den Mittelpunkt, wenn sie die Chance dazu haben. Sie suchen sich aber auch gerne Kontakte, an deren Seite sie mitgerissen werden. Und manchmal bleiben sie bescheiden im Hintergrund, weil auch das irgendwie auffällt. Irgendwer wird sich dann in der Regel um sie kümmern.

Nach meiner Beobachtung ist es also entweder so, dass Narzissten andere Menschen geradezu magisch anziehen – sofern sie über eine nach außen hin glanzvolle Persönlichkeit verfügen. Oder sie sind eher die Stillen, die Bescheidenen, die immer irgendwie ein bisschen „Opfer“ sind – und bei denen man ganz schnell so was wie Mitleid empfindet, den Eindruck hat, man müsste sich um sie kümmern. Erstere zeigen ganz schnell, welche Erwartungen sie haben. Die stillen, bescheiden wirkenden Narzissten hingegen suhlen sich gerne in ihrer Opferrolle, erwarten endlose Rücksichtnahme und wollen einfach, dass man sich um sie kümmert. Sie hängen sich „dran“, ob in einer Beziehung oder in einer Freundschaft. Schmarotzer sind beide Typen. Das Opferlämmchen ist allerdings der schlimmere Schmarotzer, ob in Freundschaften oder in Beziehungen – und das Teuflische daran ist, dass es gerade bei ihnen viel, viel länger dauert, bis man verstanden hat, wie intensiv sie sich auf allen Ebenen durchschmarotzen.

Nützlichkeit, Nützlichkeit und noch mal Nützlichkeit

Narzissten sortieren ihre Kontakte nach Nützlichkeit. Sie geben sich mit Menschen ab, die ihrer Meinung nach gute Kontakte haben, oder selbst einen guten Kontakt darstellen, der ihnen irgendwann mal nützlich sein könnten. Menschen, die gut dastehen und von denen man irgendwie profitieren kann. Menschen, die bereit sind, für sie zu lügen oder so oberflächlich sind, dass sie gar keine Wahrheiten erfragen, wenn sich Ungereimtheiten auftun. Menschen, die bereit sind, sie „mitzuziehen“, ob nun beruflich, gesellschaftlich oder auf welcher Ebene auch immer. Menschen, die sie bewundern oder einfach nur toll finden. Menschen, die sie niemals kritisieren, sondern eher ihr Verhalten noch decken. Beim Typ „Opferlämmchen“ sind es insbesondere leichtgläubige und fürsorgliche Menschen, die darauf reinfallen und oft viel zu lange in der Rolle des Wirts für den Schmarotzer verbleiben. Für Menschen, die ihnen nützlich sind, können Narzissten springen und Höchstleistungen vollbringen, auch wenn sie zu Hause bei der Familie eher wenig hilfsbereit sind: Viele reagieren auch stinksauer und höchst aggressiv, wenn man Hilfe verlangt. Das ist auch das, was Partnerinnen und Partner von Narzissten oft zur Weißglut bringt: Diese ungeheure Hilfsbereitschaft, wenn es um für den Narzissten nützliche Kontakte geht – oder das Bild, dass er/sie nach außen hin abgeben will. Und die Lieblosigkeit und Faulheit in den eigenen vier Wänden.

Die, die keinen Nutzen bringen, eventuell aber in den Augen des Narzissten später noch mal nützlich sein könnten, werden „warm gehalten“. Man kann ja nie wissen, aus wem noch was wird, wer noch was erreicht in diesem Leben und ob es nicht doch irgendwann gut ist, diesen Menschen zu kennen. Warm halten funktioniert durch nette Floskeln, falls man sich mal irgendwo zufällig trifft, und durch freundlich formulierte, aber meist unverbindliche Aussagen. „Keine Zeit“ ist eine beliebte Ausrede bei den Narzissten, die einfach keinen Bock haben, denen aber auch der Arsch in der Hose fehlt, um die Wahrheit zu sagen, nämlich: „Kein Interesse.“ Menschen, die selbst oder deren Wissen, Können oder Kontakte man irgendwann mal – aber nicht zum aktuellen Zeitpunkt – brauchen könnte, bekommen nichts Halbes und nichts Ganzes. Man sieht sie ab und zu mal, gibt ihnen dann das Gefühl, dass alles ganz prima ist – um sich dann wieder monatelang nicht mehr damit abzugeben. Bis zum nächsten, meist eher zufälligen Treffen.

Man sollte nun aber auch nicht alle über einen Kamm scheren: Nicht jeder Mensch, den man gerne mal wiedersehen möchte und der mit „keine Zeit“ argumentiert, ist ein Narzisst. Manche Menschen haben ein ungeheuer anstrengendes Leben und viele Verpflichtungen, und dann ist das eben so. Ein Mensch, der es gut mit seinen Freunden meint und wirklich keine Zeit hat, wird das auch vernünftig erklären können, warum das so ist – und manchmal geht es ja auch nur um vorübergehende, anstrengende Lebensphasen. Diese Menschen werden sich aber immer die Zeit nehmen, wenn ein wirklicher Freund sie braucht und die Unterstützung machbar ist.

Narzissten aber „halten wirklich warm“. Sie engagieren sich für die nicht wirklich, die sie sich warmhalten, aber haben immer im Hinterkopf, dass sie diese Menschen noch mal brauchen könnten, verhalten sich daher unverbindlich – aber freundlich. Vielleicht kann der Maler und Lackierer ja noch mal eingespannt werden, wenn es an die nächste Renovierung geht. Der Webdesigner könnte irgendwann mal eine Homepage gestalten, wenn man seine Vorhaben umsetzen möchte. Und der Typ, der einen großen Transporter besitzt, ist auf jeden Fall nützlich, denn vielleicht muss man ja irgendwann mal was transportieren, was nicht in einen normalen PKW passt. Oder ein anderer hat berufliche Kontakte, die man noch mal brauchen könnte.

Und dann gibt es noch die „Unwürdigen“. Das sind vielleicht ganz tolle Menschen, die aber schon beim ersten Kontakt als „nutzlos“ eingeordnet werden. Solche Menschen werden entweder zum Projekt gemacht (altruistische Narzissten nehmen sich gerne anderen Menschen an um sich an ihnen zu erhöhen) oder eiskalt abgeblockt. Ein altruistischer Narzisst sorgt dann aber auch dafür, dass alle anderen erfahren, was er/sie für diesen Menschen getan hat, um ihm weiterzuhelfen. Ob das wirklich Hilfe war oder ist, ist dann die andere Frage und die nächste Frage wäre dann auch gleich, ob da wirklich von „weiterhelfen“ die Rede sein kann … oder ob das nur dem Umfeld eingeredet wird, um sich gut darzustellen.

Auf Eis gelegt

Kommt vor bei Narzissten. Sie sind nicht unbedingt ohne Freunde. Aber die Menschen, mit denen sie wirklich viel Zeit verbringen, das sind die, die ihnen in der jeweiligen Phase die meiste Zufuhr geben. Da kannst du bis vor kurzem noch der beste Freund oder die beste Freundin gewesen sein – wenn da jemand kommt, der spannender und interessanter ist als du, mehr zu bieten hat, oder der Narzisst/die Narzisstin dich gerade nicht braucht, kann es dir passieren, dass du auf Eis gelegt wirst. Die Freundschaft wird nicht beendet, aber du hast keine Chance mehr auf eine Audienz. Um dich warm zu halten, wirst du einmal im Jahr zur Grillparty eingeladen oder zum Geburtstag. Ansonsten bist du Luft und die narzisstische Person hat „keine Zeit“ für dich. Aber wappne dich, falls die narzisstische Person dich braucht, hörst du wieder von ihr.

Und woher weißt du nun, wo du stehst?

Das ist nicht einfach, denn viele Leute die man kennt, haben wenig Zeit. Ich selbst übrigens auch. Ich bin berufstätig, schreibe, betreue meine Gruppe, und dann ist da noch meine Familie, die ohnehin immer Vorrang hat, ebenso wie meine besten Freunde. Ich denke, letztlich merkt man es irgendwann, wenn man von einem Narzissten auf Eis gelegt wurde, den man als Freund oder Freundin sieht. Man muss es dann nur wahrhaben wollen.

Hast du das Gefühl, dass du ständig abgeblockt wirst? Hast du den Eindruck, dass du nur der Höflichkeit halber eingeladen wirst? Hast du das Gefühl, dass dieser Mensch immer nur zu dir kommt, wenn er etwas von dir braucht? Fühlst du dich oft klein und unbedeutend in der Gegenwart eines bestimmten Menschen? Das sind auf jeden Fall Fragen, denen man nachgehen sollte, denn letztlich sagt uns unser Bauch eigentlich recht deutlich, wo wir bei einem Menschen stehen. Wir können es nur oft nicht fassen, insbesondere wenn die Freundschaft irgendwann mal als sehr tief erschien.

Foto: pixabay.com

Fotograf: Comfreak

 

 

 

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