Narzissenkinder – wenn Töchter unter narzisstischen Müttern leiden

Heute blogge ich in eigener Sache. Am 28. Oktober ist es soweit: Dann erscheint mein neues Buch „Narzissenkinder – wenn Töchter unter narzisstischen Müttern leiden“ im Verlag Kösel. Ich wollte dieses Buch zum Thema narzisstische Mutter schon sehr lange schreiben, verwarf es immer wieder und am Ende bin ich jetzt froh, das Buch so lange vor mir hergeschoben zu haben. Wenn man von einem Thema persönlich betroffen ist – und das bin ich – braucht man sehr viel Abstand. Man muss es geschafft haben, all das, was einem passiert ist, zu verarbeiten, damit fertig geworden sein, um neutral darüber sprechen zu können. 

Narzissenkinder – Klappentext

Das Leben mit einem narzisstischen Elternteil kann für betroffene Kinder zur Hölle werden. Sie werden ständig manipuliert und sabotiert, belogen, sich selbst überlassen. Sie erleben Angst, Grenzüberschreitungen jeder Art und Verdrehungen der Realitäten, sodass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen. Als selbst Betroffene zeigt Monika Celik das ganze Spektrum möglicher narzisstischer Verhaltensweisen auf. Betroffene Leserinnen erhalten Lösungsansätze für ihr eigenes Leben.

Was erwartet dich in diesem Buch?

Wie auch in meinem Buch „Kaltes Herz – narzisstischen Missbrauch überwinden“ habe ich in diesem Buch Betroffenen eine Stimme gegeben. Zwischen den sachlichen Kapiteln, die verschiedene Arten des narzisstischen bzw. emotionalen Missbrauchs näher definieren, habe ich Betroffene erzählen lassen. Andere habe ich in Zitaten zu Wort kommen lassen. Mein Anliegen mit diesem Buch ist Aufklärung, nicht Verurteilung. Mir ist es wichtig, dass Betroffene erkennen, was ihnen passiert ist und durch diese Erkenntnisse verstehen, warum sie unter Schuldgefühlen, Leistungsdruck und noch so vielen anderen Nachwirkungen leiden. Warum sie selbst oft glauben, nicht gut genug zu sein, immer noch mehr tun zu müssen als andere Menschen, insbesondere dafür, dass sie geliebt werden. Frauen, die in ihrer Kindheit narzisstischen Missbrauch erlebt haben, neigen ihr Leben lang dazu, in alten Mustern zu leben, bis sie diese Muster erkennen und negative Glaubenssätze auflösen können. Und bevor ich nun anfange, mich allzu stark über mein eigenes Buch auszulassen, möchte ich meinen Lesern an dieser Stelle eine Leseprobe zur Verfügung stellen. Übrigens – wenn du auf das Coverbild oben links klickst, führt dich das direkt zum Buch bei Amazon.

Leseprobe aus „Narzissenkinder – wenn Töchter unter narzisstischen Müttern leiden“

Aus dem Kapitel: „Die Aggressionen einer narzisstischen Mutter“

Das aggressive Verhalten einer narzisstischen Mutter basiert auf der Launenhaftigkeit, die bei narzisstischen Menschen grundsätzlich vorherrscht. Jeder Mensch hat mal schlechte Laune, jeder ist mal wütend über irgendetwas und jeder Mensch kennt diese Tage, an denen man ihn besser nicht anspricht. Bei narzisstischen Menschen hängt die Laune jedoch rund um die Uhr von der narzisstischen Zufuhr ab, die sie brauchen und erhalten – oder eben nicht erhalten. Jede Person in der Familie spielt hier eine wichtige Rolle und ist zuständig für eine bestimmte Form der narzisstischen Zufuhr. So muss der Ehepartner vielleicht die Zufuhr an Liebe, Bewunderung und Begehren erbringen. Auch die Kinder sind für bestimmte Gefühle zuständig, die sie dem narzisstischen Elternteil vermitteln sollen. Jedes Kind in der Familie liefert etwas Bestimmtes, die Bedürfnisse ändern sich aber auch zwischendurch, und das macht es noch problematischer. Wenn es Frau Narzisse nicht gut geht, wünscht sie vielleicht keine Bewunderung und kein Begehren, sondern Mitleid und Besorgnis. Vom schwarzen Schaf unter den Kindern erwartet sie vielleicht an einem Tag einen stillen Rückzug, an einem anderen Tag aber, dass es sich zu ihr an den Tisch setzt und mit ihr redet. Doch kein Mensch kann sich jeden Tag neu auf die Launen und Bedürfnisse eines anderen Menschen einstellen. Wer das versucht – und das ist das Drama  in Beziehungen mit narzisstischen Personen – dreht sich permanent im Kreis und vergisst darüber sich selbst. Wenn sich Bedürfnisse einer narzisstischen Person ändern und das nicht erkannt wird, kippt die Laune und schlägt in Aggressionen um. Dabei teilen narzisstische Menschen ihrem engsten Umfeld nicht mit, was sie nun an diesem Tag oder in diesem Moment brauchen – sie erwarten, dass man das merkt. Wenn man nun aber nicht diese hellseherischen Fähigkeiten aufbringen kann, ist das für die narzisstische Person ein Beweis dafür, dass man sich für sie nicht interessiert, dass sie und ihre Bedürfnisse allen egal sind – und dann kommen die Aggressionen zum Vorschein. An wem sie ausgelassen werden, ist eine Frage der Position der jeweiligen Familienmitglieder. In der Regel trifft es das schwächste Familienmitglied. Das muss nicht heißen, dass es wirklich schwach ist – es kann auch sein, dass es einfach nur keine Lobby hat, wie man so schön sagt. Niemanden, der hinter ihm steht, um es als schwächstes Glied in der Kette zu schützen.

Interessant ist der Blick auf die Gefühlspalette von Narzissten. An positiven Gefühlen scheint es nur so etwas wie Euphorie zu geben. Das, was man im Allgemeinen als Ausgeglichenheit bezeichnet, habe ich zum Beispiel bei meiner Mutter niemals erlebt. Wenn sie gut gelaunt war, dann war sie regelrecht euphorisch. Dann schien sie zu wollen, dass alle in ihrem Umfeld mitziehen und ebenfalls glücklich sein sollen, als gäbe es kein Morgen. Wer da nicht mitspielte, konnte damit durchaus auslösen, dass die Stimmung kippte. Die Palette der negativen Gefühle hingegen zeigte sich mir viel umfangreicher: Enttäuschung, Trauer, Ärger, Hass, Verachtung, Wut bis hin zur regelrechten Rage. Zwischen diesem euphorischen Zustand und der breiten negativen Gefühlspalette beobachtete ich bei meiner Mutter nur eine Art Gleichgültigkeit. Die erlebte ich an den Tagen sehr stark, an denen sie einfach nur ein Mensch zu sein schien, der mit sich selbst unglücklich war und nach etwas in der Außenwelt suchte, um das Loch in der eigenen Seele zu stopfen. Narzisstische Menschen füllen diese seelischen Löcher, indem sie versuchen, die Bewunderung, die Aufmerksamkeit, die Liebe anderer Menschen zu bekommen. Wenn das nicht gelingt oder nicht ausreicht, versuchen sie sich selbst aufzuwerten, indem sie andere abwerten. Durch aggressive Handlungen, die ihnen ein Gefühl von Allmacht verleihen, verhindern sie, die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht spüren zu müssen.

Narzisstischer Missbrauch ist hochgradig aggressiv, sowohl ganz offen, brutal und direkt, als auch unterschwellig. Mit offenen, direkten Aggressionen kann man auf irgendeine Weise umgehen – und davor  ist man nie geschützt, auch als Erwachsener nicht. Sobald man sich in irgendeinem sozialen Umfeld bewegt, ob nun in der Familie, im Freundeskreis, unter Kollegen oder unter Nachbarn, wird man immer mal mit einem Menschen zu tun haben, der sehr direkt aggressives Verhalten an den Tag legt. Man reagiert darauf möglicherweise betroffen, versucht die Ursache herauszufinden, das eigentliche Problem zu klären – oder man geht diesem Menschen einfach aus dem Weg. Viel schwieriger ist der Umgang mit unterschwelligen Aggressionen, die sich auch oft in passiv-aggressivem Verhalten zeigen. Diese Aggressionen sind da, sie werden deutlich gespürt, aber sie können oft nicht benannt und noch weniger bewiesen werden, und die Aggressoren streiten sie in der Regel auch ab. Man fühlt sich als Opfer von unterschwelligen Aggressionen in den allermeisten Fällen äußerst hilflos, versteht die Welt nicht mehr und zweifelt auch nicht selten an seiner eigenen Wahrnehmung.

Ludmilla, deren Geschichte ich in einem vorangegangenen Kapitel erzählt habe, beschreibt die Aggressionen ihrer Mutter folgendermaßen:

„Manchmal war sie einfach wütend und wenn ich sie fragte, was denn los sei, sagte sie immer, es wäre nichts. Dann führte sie aber plötzlich, Minuten später, so eine Art Selbstgespräch: Sie putzte irgendwas oder räumte auf, bügelte, das tat sie aber mit ganz heftigen Bewegungen und schimpfte dabei vor sich hin. Sie täte so viel und es gäbe niemanden, der das bemerken würde. Wir alle – damit meinte sie mich und meinen Stiefvater – würden es uns nur bequem machen. Niemand von uns müsste einen einzigen Handschlag tun und unser Dank dafür wäre, dass wir sie nicht beachten. Dann fluchte sie, sie hätte schon seit Tagen Kopfschmerzen, aber niemand merkt es. Manchmal erzählte sie, sie sei im Badezimmer bei einem Kreislaufkollaps umgekippt, aber uns sei das ja egal. Hauptsache, sie würde für uns kochen und putzen. Dazu kann ich aber sagen, dass sie, als ich schon älter war, wochenlang überhaupt nicht kochte. Wenn wir fragten, was es zu essen gibt, keifte sie uns an und sagte, wir sollen uns selbst was machen, um sie würde sich ja auch niemand kümmern. Mein Stiefvater war dann immer sehr bemüht um sie, aber sie hörte ihm gar nicht zu. Oft kümmerte er sich dann um das Essen oder später machten wir das abwechselnd. Wenn wir für sie etwas weglegten, es in Alufolie packten, lag es meist am nächsten Morgen noch da, sie aß es nicht. Aber wenn wir ihr nichts aufhoben, brach die Hölle aus, dann nannte sie uns egoistisch. Wir konnten das aber nie ausdiskutieren, denn sie verließ dann immer türenknallend die Wohnung.“

Kinder narzisstischer Mütter müssen mit offenen wie auch mit unterschwelligen Aggressionen leben lernen. Die offenen Aggressionen sind meist seltener, denn das bekommt möglicherweise das Umfeld mit – und genau das soll ja vermieden werden. Dennoch berichten viele Betroffene von sehr häufigen, offenen Aggressionen, die sie in ihrer Kindheit durch einen narzisstischen Elternteil erlebt haben und die teilweise schwerwiegende körperliche wie auch seelische Gewalt mit sich brachten. Allerdings niemals vor Zeugen, niemals in der Öffentlichkeit, immer in den eigenen vier Wänden und hinter geschlossenen Türen.

Die unterschwelligen Aggressionen sind es allerdings, die eine Art Dauerzustand unsichtbarer Bedrohung auslösen. Ein Kind kann eine solche Bedrohung noch schlechter benennen als ein Erwachsener. Es beginnt automatisch, ständig seine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen und sich immer wieder im Gedankenkarussell zu drehen, das sich nur um die Bedürfnisse und die Stimmungslage der Mutter zu drehen scheint. Es fühlt sich schuldig, denn es bekommt ja das Gefühl von Schuld vermittelt. Ein Verhaltensmuster, das sich im späteren Leben – in der Regel in partnerschaftlichen Beziehungen – fortsetzt, bis es erkannt und durchbrochen werden kann.

Unterschwellige Aggressionen können auch im liebevollsten Umgangston mitschwingen und furchtbare Gefühle von Angst und Hilflosigkeit auslösen. Ich denke, dass viele Menschen es schon erlebt haben, dass ihnen jemand freundlich und mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht etwas scheinbar Nettes gesagt hat, bei dem man aber spürte: Das war jetzt gar nicht nett, ganz im Gegenteil. Man kann es nur nicht greifen. Es ist keine Einbildung, aber versucht man es Außenstehenden zu erklären, wird es oft als solche abgetan …“ ( Copyright © 2019 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH )

(Das ist nur ein Auszug aus dem genannten Kapitel, das an dieser Stelle noch weitergeht).

Foto: © Frank Hanewacker, Sedan Sieben

Und zu guter Letzt …

Danksagungen klingen immer so pathetisch. In meinem Buch „Narzissenkinder“ habe ich daher darauf verzichtet, denn alles, was ich hätte sagen können, wäre den Menschen gar nicht gerecht geworden, denen ich gerne danken möchte. Denn ohne sie hätte ich dieses Buch gar nicht schreiben können. Da wäre allen voran meine Schwester, die so unglaublich mutig war, sich der ganzen „Sache“ nochmals zu stellen. Das war verdammt schwer, das weiß ich, und es sind viele Tränen geflossen – auch bei mir. Denn meine Schwester und mich verbindet sehr viel und wenn sie weint, kann ich nicht anders, als mitzuweinen. Und trotzdem war sie tapfer und wollte all das aufarbeiten und loswerden.

Die wundervollen Frauen, die Admins meiner Facebookgruppe sind und da täglich wertvolle Arbeit machen: Euch kann ich gar nicht genug danken. Ihr habt mir den Rücken frei gehalten, und zwar so was von! Mich vor so einigen kleineren und größeren Katastrophen bewahrt. Und ihr seid menschlich so für mich da, dass ein DANKE leider nicht genug ausdrücken kann. Und das ganz unabhängig von eurem Engagement in der Gruppe.

Ein ganz großes DANKE geht auch an die Frauen, die bereit waren, mir ihre Geschichte zu erzählen oder mit mir über ganz spezielle Fragestellungen zu sprechen. Ohne euch hätte das Buch nicht entstehen können. Es ist mir sehr bewusst, dass es euch viel, viel Mut gekostet hat, darüber zu sprechen und zu wissen, dass spezielle Zitate im Buch erwähnt werden oder gar eine ganze Geschichte. All das ist natürlich absolut anonymisiert, niemand ist zu erkennen. Dennoch weiß ich um das flaue Gefühl im Magen und bin euch unendlich dankbar, dass euch das Thema so wichtig war und ihr bereit gewesen seid – und mir auch ausreichend vertraut habt – mit mir zu sprechen.

Und noch ne Feststellung: „Jaja, immer sind die Mütter schuld…“

Ich habe das hier und da mal gehört. Nicht in der Gruppe. Sondern in meinem ganz normalen, gesellschaftlichen Leben. Immer seien die Mütter an allem schuld. Ich möchte damit mal aufräumen. Die Mütter sind nicht immer an allem schuld. Ich habe selbst Kinder großgezogen und würde dann ja mit dem Finger auf mich selbst zeigen. Nein, wir Mütter sind nicht an allem schuld. Wir alle können nur unser Bestes geben und solange wir sagen können, dass wir das immer getan haben, ist ja prinzipiell schon mal alles gut. Wir müssen aber auch ansprechbar sein, wenn unsere (in der Regel meist schon erwachsenen Kinder) uns das eine oder andere zu sagen haben, bei dem uns klar wird, dass wir da vielleicht etwas falsch gemacht haben könnten. Meine Kinder durften das immer. Und ja, auch ich habe Fehler gemacht. Ganz sicher habe ich keinen narzisstischen oder emotionalen Missbrauch betrieben, aber ich bin nicht fehlerfrei und so manches hat ein bisschen was angerichtet. Wenn wir ansprechbar sind, uns das sagen lassen, bereit sind, mit unseren Kindern darüber zu sprechen, kann man diese Fehler, die man nicht absichtlich begangen hat, annehmen und klären. Damit erfährt ein erwachsenes Kind Gerechtigkeit, wird angenommen, wird ernst genommen, es durfte sich öffnen, Dinge loswerden und verarbeiten. Das ist eine wichtige Grundlage für ein liebevolles Verhältnis zwischen Müttern und ihren erwachsenen Kindern.

Für heute möchte ich schließen mit einem Zitat einer Frau, die mir in den letzten Monaten zu einer Freundin geworden ist und mit der ich einfach nur ganz allgemein über dieses Thema gesprochen habe. Dieses Zitat hat auch im Buch einen angemessenen Platz erhalten:

„Wir sind auch Mütter. Wir müssen all das reflektieren und Ursachen dafür finden, was unsere Mütter zu dem hat werden lassen, was sie geworden sind. Wir müssen dieses Verhalten mit unserem eigenen Verhalten vergleichen und ergründen, ob wir uns ähnlich verhalten. Überprüfen wir uns  nicht selbst auf solche Verhaltensmuster, reichen wir die Trauer, die Entwertung, die Ängste, die Schuldgefühle an die nächste Generation weiter. In unserer Zeit steht uns so viel hilfreiche Literatur zur Verfügung, die uns Dinge verstehen lässt. Wir können Therapien machen und uns damit helfen lassen. All das Gelernte müssen wir jedoch auch auf unser eigenes Dasein als Mutter anwenden, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.“

Dankeschön, S.G., du wusstest es nicht, aber dieses Zitat von dir hing während ich dieses Buch schrieb, über meinem Schreibtisch. 🙂