Manipulation durch Narzissten: Schuldgefühle und emotionale Erpressung

Emotionale Erpressung und dadurch verursachte Schuldgefühle sind eine gängige Methode von Narzissten, um ihre Partnerinnen und Partner gefügig zu machen und zum Schweigen zu bringen. Es handelt sich hier um eine Manipulation, die am wirksamsten ist, wenn das „Opfer“ schon in der frühesten Vergangenheit durch emotionale Erpressung manipuliert wurde.

Das kennen wir doch alle, oder nicht?

Ich glaube, dass viele Eltern sich gar nicht bewusst sind, wenn sie ihre Kinder auf der emotionalen Ebene manipulieren. „Gib der Oma ein Küsschen“ (sonst ist sie traurig!) oder „Streng dich in der Schule an“ (sonst bin ich enttäuscht von dir) – das kennen wir sicher alle aus unserer Kindheit. Meiner Meinung nach passieren solche Dinge nicht bewusst und sie geschehen sicher in den besten Familien. Natürlich wollen Mutter oder Vater nicht, dass die eigene Mutter traurig ist, wenn das Enkelchen nicht so anhänglich ist, wie die Oma sich das wünscht. Und natürlich wollen Mutter und Vater, dass ihr Kind sich in der Schule Mühe gibt, es soll ja schließlich mal was erreichen im Leben. Diese Sprüche sind schnell ausgesprochen und kaum einem Elternteil ist es bewusst, dass es sich bereits hierbei um emotionale Erpressung handelt.

Bestrafung durch Silent Treatment

Der worst case in der Erziehung ist das so genannte „Silent Treatment“, das wissentliche Ignorieren eines Kindes. Nicht mit dem Kind zu sprechen, ganz offensichtlich sauer oder enttäuscht zu sein und seine Anwesenheit nicht einmal wahrnehmen, nicht ansprechbar zu sein, das Kind weder zu hören noch zu sehen – das erzeugt furchtbare Ängste, aber auch Schuldgefühle. Werde ich nicht gesehen? War das wirklich so schlimm, was ich getan oder nicht erledigt habe? Bin ich wirklich so furchtbar? Silent Treatment ist immer verbunden mit diesem „ich bin sauer auf dich“ oder „ich bin gnadenlos enttäuscht von dir“: Weil du nicht getan hast, was ich von dir erwartet habe. Weil du nicht funktioniert hast, wie ich das wollte. Weil du einen Fehler gemacht hast … und da sind sie schon, die Schuldgefühle. DU hast etwas falsch gemacht, deswegen wirst du jetzt bestraft.

Es muss nicht mal im Elternhaus passiert sein: Ich kann mich an so einige Gelegenheiten erinnern, in denen mir, als ich noch ein Kind war, eine Freundin sagte „dann bin ich nicht mehr deine Freundin“, nur weil ich ihren Wünschen nicht entsprochen habe: Weil ich ihr irgendwas nicht geben wollte, keine Zeit für sie hatte oder etwas anderes spielen wollte als sie. Das war bereits emotionale Erpressung vom Feinsten, wenn auch unter Kindern sicher nicht mit perfider Logik angewendet, sondern der Ausdruck eines Verhaltensmusters, das irgendwie in Fleisch und Blut übergegangen sein muss, sowohl auf der einen, als auch auf der anderen Seite. Die „Freundin“ schwieg mich an, sah mich nicht mehr, ignorierte mich. Ich hatte Schuldgefühle. Es war ja meine Schuld! Ich hätte ihr ja geben können, was sie haben wollte, ich hätte ja das mit ihr spielen können, was sie spielen wollte … nicht wahr? Manch einer wird nun lachen und sagen: „Kinder.“ Aber es ist nicht wirklich lustig. Kinder werden nicht nur im Elternhaus durch derartige Manipulation konditioniert, sondern wenden solche Methoden auch schon ganz früh untereinander an.

In der Folge …

bemühen sich emotional derart bestrafte Kinder natürlich, einen Fehler (auch wenn es keiner war) nicht noch einmal zu machen. Sie werden andere Fehler machen, weil es sicher keinem Menschen auf dieser Welt gelingen kann, niemals Fehler zu machen. Dann werden sie erneut bestraft: Mit Silent Treatment, mit offen gezeigter Enttäuschung, mit Vorwürfen: „Ich tue so viel für dich, ich opfere so viel für dich, ich verzichte auf so vieles, nur für dich – und du…? So dankst du es mir! Es werden Ängste geschürt, Ängste vor Bestrafung, vielleicht sogar vor dem Verlust dieses Menschen. Es entstehen Schuldgefühle. 

Wer so groß geworden ist, hat sehr schnell Schuldgefühle

Ein Mensch, der sehr schnell Schuldgefühle hat, wird sich in der Folge bemühen, alles richtig zu machen – und das ist der Punkt, an dem nicht nur Narzissten, sondern auch eigentlich psychisch gesunde Menschen ansetzen: Wenn es ganz offensichtlich ist, dass die Nummer mit den Schuldgefühlen funktioniert, wird sie auch eingesetzt. Ganz schnell befindet man sich in der nächsten Spirale. Wer durch Schuldgefühle manipulierbar ist, wird sich stets bemühen, die Erwartungshaltungen aller Menschen in seinem Umfeld zu erfüllen. Und das geht immer nach hinten los, denn niemand ist in der Lage, immer die Erwartungen aller anderen zu erfüllen. Grundsätzlich bedeutet das auch für Betroffene, dass sie mehr Wert auf die Bedürfnisse anderer Menschen legen als auf ihre eigenen. Schließlich sind sie ja nicht wütend auf sich selbst, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht erfüllen. Sie spüren zwar einen Mangel, ja! Aber sie haben ja gelernt, dass es (über)-lebenswichtig ist, erst einmal die Bedürfnisse der anderen zu erfüllen.

Im Streit geht es dann um angeblich unausgeglichene Konten

Dass man in einer Partnerschaft Dinge füreinander tut, ist selbstverständlich. Wenn Menschen allerdings durch das Erzeugen von Schuldgefühlen manipulierbar sind, merken narzisstische Partner das sofort. Vielleicht merken sie es nicht einmal, sondern spulen einfach nur ihr inneres Programm ab, merken schon recht schnell, dass es funktioniert und so wird die emotionale Erpressung zur Erziehungsmethode. Partner und Partnerinnen von Narzissten sollen schließlich funktionieren: Sie sollen bewundern, hofieren, bedienen, anhimmeln, Bedürfnisse erfüllen. Sie sollen möglichst keine eigenen Bedürfnisse geltend machen, denn das ist unbequem für einen narzisstischen Partner.

Das „Konto“ ist niemals ausgeglichen. Während du möglicherweise sehr viel für deinen Partner tust und gar nicht darüber nachdenkst, vielleicht dir nicht mal bewusst machst, wie viel das eigentlich ist, wird dein narzisstischer Partner Schuldscheine sammeln: Er wird sich jeden Nagel merken, den er für dich irgendwann mal in die Wand gehauen hat, weil DU dort ein Bild aufhängen wolltest. Manipulative Menschen merken sich jede Gelegenheit, zu der sie irgend etwas für dich getan haben. Sie vergessen nicht! Du hingegen vergisst, weil du es so gelernt hast: Du denkst nicht darüber nach, dass du die letzten drei Großeinkäufe bezahlt hast, dass du dich um seine Steuererklärung kümmerst oder seinen Kredit mit abzahlst. Du hast ja gelernt, dass alles, was du tust, selbstverständlich ist, und wenn du es nicht tust, wirst du bestraft: Durch offene Vorwürfe, durch Silent Treatment, durch die offen gezeigte „Traurigkeit über deine Untaten“. Und letztlich ist das ja auch der Idealfall in einer Beziehung, dass man Dinge füreinander tut. Das muss allerdings auf Gegenseitig beruhen. 

Wenn du dich zur Wehr setzt…

…bekommst du umgehend die Unausgeglichenheit der Konten an den Kopf geknallt. Wenn du ein Bedürfnis äußerst, das deinem Partner/deiner Partnerin unbequem ist, hörst du einen Vortrag über all das, was er oder sie schon für dich getan hat. Auch der intelligenteste Mensch kann damit zum Schweigen gebracht werden! Denn hier folgt jeder Beteiligte seinem „inneren Programm“: Du wurdest schon frühzeitig durch solche Methoden manipuliert. Dein Partner oder deine Partnerin hat möglicherweise ebenso frühzeitig diese Methode für sich selbst übernommen um seinen Kopf durchzusetzen und weiß längst, dass sie funktioniert. Die Schuldscheine werden eingesetzt: Du bekommst jetzt alles an den Kopf geknallt, was dieser Mensch jemals für dich getan hat. Und auch wenn dir dein Verstand sagt, dass das alles Kleinigkeiten waren, die völlig normal sind, auch wenn dein Verstand dir sagt, dass du vergleichsweise Dinge auf dich nimmst, die nicht so ganz normal sind – in solchen Momenten rutscht all das in den Hintergrund, erscheint dir gar nicht mehr so groß. 

Da schaltest du auf „Autopilot“

Möglicherweise bist du dir eben noch völlig bewusst darüber gewesen, dass das Verhalten deines Partners (oder deiner Partnerin!) absolut unmöglich ist. Kaum aber wirft derjenige dir seine gesammelten Schuldscheine an den Kopf, schaltet dein Gehirn auf Autopilot und dein Schuldgefühle-Programm wird aktiviert. Alles, was eben für dich noch so groß erschien, dass dir vielleicht eben gerade noch klar war, dass du ausgebeutet wirst und darüber reden wolltest, vergisst du in solchen Momenten. Aber alles, was dir da gerade an den Kopf geworfen wird, auch die selbstverständlichsten Kleinigkeiten, erscheint dir nun wie eine Riesennummer. So hast du das möglicherweise schon früh gelernt: In deiner Kindheit, in Freundschaften oder mit einem vorherigen Partner. Fast augenblicklich bringt dich dein inneres Programm zum Schweigen. Ebenso augenblicklich sorgt der Autopilot in dir dafür, dass du anfängst, dir Gedanken über all das zu machen, was dieser Mensch dir da gerade vorwirft. Ja, der hat doch viel für dich getan, dieses und jenes, all das unglaublich viel und du schämst dich dafür, dass du gerade eben noch auf deine Situation und deine Bedürfnisse aufmerksam machen wolltest. Du schämst dich für all das, was dir da gerade vorgehalten wird. Hast Schuldgefühle, weil du überhaupt nur daran gedacht hast. Und so sorgt der Autopilot in dir dafür, dass du wieder funktionierst: Also, Mund halten, weitermachen wie bisher, Bedürfnisse runterschlucken wie den Ärger, der eben noch in dir war – und schön lieb sein, aus Dankbarkeit für all das, was dein Partner für dich schon getan hat.

Bewusstwerdung

Wichtig. Wenn du solche Situationen kennst, musst du dir darüber ganz bewusst Gedanken machen. Versuche herauszufinden, wann in deinem Leben du ein solches Autopilot-Programm übernommen hast. Was ist da passiert? Wer hat das bei dir bewirkt, in welcher Situation, warum? Wenn du das nächste Mal mit deinem Partner (oder auch mit einem nächsten Partner) ein Gespräch zu Dingen beginnst, die dir wichtig sind, die du respektiert sehen möchtest, ein Gespräch über deine Bedürfnisse oder Dinge, die du so nicht hinnehmen kannst, mach dir vorher noch einmal bewusst, dass du jemand bist, den man mit Schuldgefühlen manipulieren und grundsätzlich emotional erpressen kann.

Es ist nicht nett, sich jede Kleinigkeit bewusst zu merken, die man für den Partner oder die Partnerin tut. Wenn das jedoch ein Mensch ist, der dir bereits „Schuldscheine“ an den Kopf geknallt hat und dich damit zum Schweigen bringen konnte, wäre es für dich überlebenswichtig, dir darüber bewusst zu werden, was du alles für ihn tust oder schon getan hast. Interessant ist, dass Menschen, bei denen emotionale Erpressung gut funktioniert, meist ungeheuer viel mehr für ihren Partner oder ihre Partnerin getan haben als umgekehrt. Und ja, es ist nicht nett, sich über solche Dinge ganz bewusst Gedanken zu machen, aber wenn man es mit einem emotionalen Erpresser zu tun hat, ist es die einzige Waffe, die man überhaupt hat.

Auf das nächste Gespräch dieser Art kannst du dich vorbereiten.

Nicht gut: Wenn nun auch du mit Schuldscheinen um dich wirfst. Damit stellst du dich mit einem emotionalen Erpresser auf die gleiche Ebene. 

Sehr gut: Wenn dir beim nächsten Mal in einer solchen Situation schnell klar wird, dass du hier  gerade emotional erpresst werden sollst. Damit kannst du den Autopiloten in dir unterdrücken und bist nicht mehr aus der Fassung (oder zum Schweigen) zu bringen. 

Nicht gut: Wenn du anfängst, darüber zu streiten, dass das ja gar nicht so groß war, was dieser Mensch für dich getan hat. 

Sehr gut: „Du versuchst hier gerade, mir durch emotionale Erpressung Schuldgefühle zu verursachen. Wir verschieben das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt, wenn du dich nicht mehr benimmst wie ein kleines, trotziges Kind.“

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