Irgendwie habe ich das ausgehalten

Existenzen platzen, lösen sich ins Nichts auf, weil man sich in den falschen Menschen verliebt hat und über dem Kampf um diese Beziehung alles verliert. Vor allem den Blick und das Gefühl für sich selbst. Und dann blickt man weiter zurück, stellt fest: Früher war auch nichts wirklich besser. Manche von uns stammen aus Familien, in denen sie nicht gut behandelt, ja sogar misshandelt wurden. Man hält das irgendwie aus, übersteht das irgendwie, rutscht von einer Beziehung in die nächste, wenn man erwachsen ist und irgendwann sitzt man dann da und fragt sich: Und wann hört diese Scheiße endlich mal auf? Wann wird es mir mal gut gehen?

Der Punkt ist ja dieses „Aushalten“

Früher haben mich Menschen fasziniert, die jede Menge Schicksalsschläge wegzustecken hatten und trotzdem in sich ruhten. Ich habe sie bewundert für ihre Kraft, für den Power, mit dem sie durchs Leben gehen, für das, was sie erreicht haben, für ihre Fröhlichkeit. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass die, die am häufigsten und am schönsten lächeln können, meist lieber weinen würden. Sie haben eben gelernt „auszuhalten“. Augen zu und durch, immer und immer wieder. Da dachte ich aber auch über Schicksalsschläge (Tod, Krankheit) nach, gegen die wir Menschen in der Regel machtlos sind, und nicht über Situationen, die man verlassen kann.

Etwas aushalten heißt auch, unglücklich zu sein

Wir müssen keine egoistischen Menschen aushalten, die es sich bei uns bequem machen. Die uns an der Kasse im Supermarkt bezahlen lassen und sich derweil ganz intensiv mit dem Einpacken der Einkäufe beschäftigen, oder erst gar nicht mitgehen zum Wocheneinkauf. Die im Restaurant aufs Klo müssen genau in dem Moment, wenn der Kellner mit der Rechnung kommt. Menschen, die irgendwie nie Zeit haben, mal den Boden zu saugen oder gar zu wischen, auf dem sie selbst auch leben, die aus der soeben noch sauberen Küche ein Schlachtfeld machen, weil sie mit Kochen dran sind, und nach dem Essen der Meinung sind, sie haben doch gekocht, also kannst du doch mal eben für die Sauberkeit sorgen. Wir müssen uns nicht mit Menschen abgeben, die sich mit uns um jeden Cent streiten, den sie zum täglichen Leben und der Miete oder sonstigen Unkosten beisteuern sollten, weil es nur gerecht wäre. Schon gar nicht müssen wir uns zufriedengeben, wenn die Menschen in unserem Leben uns so rein gar nichts zu geben haben, wenn es um Liebe, Zärtlichkeit und Freundlichkeit geht und uns zum Dank für alles was wir tun, auch noch schlecht behandeln. Mit Schweigen bestrafen, wenn wir mal nicht so funktionieren, wie sie das gerne hätten. Uns bloßstellen bei anderen Menschen. Sich über uns lustig machen. Emotional nicht für uns verfügbar sind. Uns beschimpfen und sich klärenden Gesprächen entziehen. Das sind Beziehungen, die wir aushalten. Aber warum eigentlich?

Ja, warum halten wir aus?

Wir halten aus, weil wir Schuldgefühle haben. Manche mehr, andere weniger. Menschen, die in einem missbräuchlichen Umfeld groß geworden sind, haben immer Schuldgefühle, viel zu viele und viel zu starke Schuldgefühle, und zwar wegen jedem Mist. Menschen, die so aufwachsen und danach vielleicht noch die eine oder andere missbräuchliche Beziehung oder Freundschaft hatten, verinnerlichen immer mehr Schuldgefühle, denn es ist ja klar, dass jedes Scheitern nur an uns liegt, nicht wahr? Menschen wie wir sind generell undankbar, beziehungsweise plagen wir uns mit Fragen rund um unsere Dankbarkeit anderen Menschen gegenüber und empfinden davon viel zu viel und viel zu schnell, oftmals sogar grundlos.

Wir müssen nicht dankbar sein, nur weil jemand mal freundlich zu uns war, das heißt nur, dass der Mensch freundlich war – und nicht, dass wir ihm jetzt was schuldig sind. Aber wir halten aus, aus Dankbarkeit, aus Schuldgefühlen heraus und oft auch, weil uns eingeredet wird, dass wir diejenigen sind, mit denen was nicht stimmt, denn hey! Ist doch klar, dass eigentlich alles ganz normal ist? Und klar, dass der Partner, die Partnerin, sich völlig normal verhalten? Wir sind es doch, die nicht richtig ticken, das sieht man ja an … (das kannst du an dieser Stelle beliebig mit all dem ergänzen, was dir zu deiner Person gesagt wurde!)

Wir sind uns nur selbst etwas schuldig

Wenn wir von Schuldgefühlen geplagt sind und das Gefühl erlernt haben, dass wir jedem Menschen, der mal freundlich zu uns ist, unsere Seele schulden, unser Leben, unser Bankkonto und unser Auto, dann ticken wir in der Tat nicht richtig – für uns selbst. Für Schmarotzer und Parasiten hingegen sind wir wahre Goldgruben. Da reicht oft ein vorwurfsvoller oder hilfloser Blick und schon rücken wir die Autoschlüssel oder die EC-Karte raus. Hach ja – wir ticken nicht sauber, und zwar solange, bis das Fass voll ist.

Und wenn das Fass dann voll ist …

… dann läuft es nicht selten über. Dann kann es uns gestern noch total gut gegangen sein, am nächsten Tag wachen wir auf und haben das Gefühl, dass uns jemand den Boden unter den Füßen weg gezogen hat. Manchen genügt eine Therapie, andere begeben sich mal gleich lieber in eine Klinik, denn nichts ist so schlimm wie die Angst vor der eigenen Angst, die sich immer dann einstellt, wenn irgendwie alles ziemlich gründlich schiefgegangen ist. Auch ich kenne diese Phasen, in denen man einfach keine Kraft mehr hat und seine Tage damit zubringt, vor sich hinzustarren, Listen zu schreiben mit all den Dingen, die man erledigen muss, ganz dringend sogar, aber irgendwie nicht die Kraft dafür hat. Wie schön ist es und wie viel Auftrieb kann es einem geben, wenn dann in einer solchen Phase plötzlich wieder jemand in das eigene Leben tritt und signalisiert, dass man ja gar nicht alleine sein müsste …?

Verlockend und nicht real

Es ist sehr verlockend, solchen Versuchungen nachzugeben. Der Mensch möchte ja auch gar nicht alleine sein. Eigentlich. Er kann aber leider nur dann wirklich zu zweit sein, wenn er gelernt hat, alleine zu sein. Solange wir das nicht gelernt haben, stehen sie wieder Schlange, die Schmarotzer und Parasiten. Jeder von ihnen hat sein eigenes Motiv. Der eine will nur Sex, der andere braucht eine Haushälterin, der nächste meint, dass dein Zuhause gemütlicher und für ihn billiger ist als sein eigenes. Ja, es ist verlockend und schwupps, bist du schon wieder drin in dieser Spirale des Aushaltens. Die endet auch wieder und du kommst wieder in die Phase, in der du keine Kraft hast, die wichtigen Belange deines eigenen Lebens zu regeln. Entsetzt schaust du auf die vertane Zeit zurück und stellst fest, dass du so unendlich viel mehr Kraft hattest, als du noch alleine warst. Da hast du den ganzen Haushalt alleine geschmissen, bist arbeiten gegangen und hast sogar noch irgendwas Ehrenamtliches gemacht. Und jetzt kriegst du deinen eigenen Abwasch nicht fertig? Gut, du hast dich ab und zu ein bisschen einsam gefühlt, aber warst du wirklich einsam? Und jetzt denk mal drüber nach, wie einsam du dich in Partnerschaften schon fühltest, die nicht gut liefen. Ich glaube, es gibt keine schlimmere Einsamkeit als die, die man empfindet, wenn man sich in einer dysfunktionalen Beziehung befindet.

Wachsen und gedeihen

Das kannst du nur aus Erkenntnissen heraus. Wenn du an diesem Punkt angekommen bist, an dem du einige oder all deine vergangenen Beziehungen infrage stellst, erkennst, dass oft oder immer alles zu deinen Lasten ging, dann ist es Zeit, umzudenken. Den Fehler nicht mehr beim anderen suchen, der dich parasitär ausgenutzt hat, sondern bei dir selbst. Das heißt nicht, dass der Parasit in deinem Leben kein Parasit war. Schmarotzer sind nun mal Schmarotzer, und nein, das sind nicht die Guten – das sind nur die, in denen du das Gute sehen wolltest. Das Problem ist, dass Schmarotzer spüren, wo sie schmarotzen können und sie spüren auch, wo es nicht möglich ist. Wenn du also meinst, du bist ein gutherziger Mensch, immer für andere da, ein guter Beziehungspartner, der sich Mühe gibt in der Beziehung, dann ist das was ganz Tolles und wahrscheinlich stimmt das sogar. Das einzige was nicht stimmt ist, dass du das den falschen Menschen gibst, was du zu geben hast – und davon auch noch viel zu viel. Wenn du aufhörst auszuhalten, fängst du an zu leben. Wenn du anfängst zu leben, fängst du an, realistischer einzuschätzen und du hörst damit auf, immer sofort alles zu geben, dich für alles verantwortlich zu fühlen und Dinge zu erdulden, die nicht duldbar sind.

Selbstwertgefühl

Das lernt man im Idealfall als Kind, dieses Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln. Missbrauchsopfer haben das allerdings nie gelernt. Sie waren als Kind nicht wertvoll genug, nicht gut genug und nicht hübsch genug, nicht klug genug, nicht fleißig genug und sie waren immer undankbar und an allem schuld. Als erwachsene Menschen mögen sie Selbstbewusstsein ausstrahlen, dass man schon fast fürchtet, sie könnten daran platzen, aber mit Selbstwertgefühl hat das leider gar nichts zu tun. Selbstbewusstsein entsteht aus der Erkenntnis darüber, dass man etwas kann, bestimmte Fähigkeiten hat. Das Gefühl für den eigenen Wert = Selbstwertgefühl entsteht eigentlich dadurch, dass man von seinem ersten Atemzug an ein wertvoller Mensch für andere Menschen ist, also sprich für die eigenen Eltern. Der wertvollste Mensch, nicht austauschbar, selbstredend mit Ecken und Kanten und Fehlerchen, aber liebenswert und wertvoll. Wer so aufwachsen darf, wird niemals lange in toxischen Beziehungen verbleiben, weil er/sie weiß: Echtes Selbstwertgefühl hat nichts mit dem zu tun, was ich leisten und geben kann, sondern mit meinem SEIN. Mit meiner Persönlichkeit. Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht immer leisten, ich darf auch mal annehmen und Dinge einfach nicht können. ICH GENÜGE – IMMER!!!

Wer das als Kind nicht lernt, wird später umso härter daran arbeiten müssten und viele, viele Schicksalsschläge, viele Misserfolge und so einige gescheiterte Beziehungen in Kauf nehmen müssen um zu verstehen, was die Wurzel allen Übels ist: Das mangelnde Gefühl für sich selbst. Das Selbstwertgefühl. Die Selbstliebe, die im Übrigen nichts mit Egoismus zu tun hat, sondern mit der Erkenntnis, dass man sich selbst genug mag um dafür zu sorgen, nicht ständig toxischen Menschen und Situationen ausgeliefert zu sein.

Geh das einfach langsam an

Und zwar alles. Freundschaften. Nachbarschaftliche Verhältnisse. Kollegiale Verhältnisse im Arbeitsumfeld. Beziehungen. Geh es langsam an. Niemand muss von Anfang an 100 Prozent geben. 5 Prozent reicht auch. Nach einiger Zeit kommst du bei zehn Prozent an und so steigert sich das mit der Zeit. Wer von Anfang an 100 Prozent von dir erwartet, wird schon kurze Zeit später 200 Prozent wollen. Das ist der bekannte Spruch mit dem kleinen Finger, den du jemandem reichst, der dir dann gleich die ganze Hand abreißt und im schlimmsten Fall sogar den Arm. Wenn dir so was immer und immer wieder passiert, heißt es: Eigene Muster überprüfen. Bist du etwa mit dem Glaubenssatz großgezogen worden, dass du immer derjenige oder diejenige bist, der/die für alles verantwortlich ist? An allem die Schuld trägst, was schiefläuft? Niemals Dank bekommst für das, was toll gelaufen ist? Bist du mit dem Glaubenssatz groß gezogen worden, dass du nur wertvoll bist, wenn du etwas zu geben hast?

Neue Beziehung, neues Glück?

Ja, das geht. Das geht aber nur, wenn du alles Alte hinter dir gelassen hast. Wenn du von dir selbst erkannt hast, dass du ein wertvoller Mensch bist und nicht dafür da, es anderen Menschen auf dieser Welt bequem zu machen. Wenn du verinnerlicht hast, dass alles ein Geben und Nehmen ist, und nicht ein geben, geben, geben. Aber vergiss nicht: Es gibt für nichts im Leben eine Garantie, schon gar nicht für Beziehungen zu anderen Menschen. Aber: Wenn du dich selbst zu lieben lernst, dir selbst genug bist, entwickelst du auch ein Gespür für Schmarotzer, Parasiten, Narzissten, Psychopathen und wie man sie noch nennen mag. Wenn du dich selbst liebst, spürst du schon ganz früh, wenn ein Mensch auf diese Selbstliebe einwirkt, sie Stück für Stück abbauen will – und damit ganz einfach toxisch für dich ist. In jeder Beziehung wird es Situationen geben, vor die uns das Leben stellt, die wir nicht verursacht haben, die einfach passieren und die wir aushalten müssen. Eine gesunde Beziehung zeigt sich daran, dass man solche Phasen im Leben gemeinsam aushält, noch ein Stück näher zusammenrückt. Wenn es aber der Mensch an unserer Seite ist, der in uns das Gefühl weckt, wir müssten da etwas aushalten – dann stimmt was ganz gewaltig nicht.

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