Gaslighting, oder: Wie ist das mit der eigenen Wahrnehmung?

Immer wieder hört und liest man es: Gaslighting. Was ist das überhaupt? Was genau fällt unter Gaslighting? Was ist es nicht? Und überhaupt, wieso kann das eigentlich funktionieren? Wenn man so was erlebt hat und blickt rückwirkend auf diese Lebensphasen zurück, schüttelt man sich unwillkürlich selbst und fragt sich, wie das passieren konnte. Aber eigentlich gibt es ganz einfache Erklärungen dafür.

Erst mal sollten wir drüber sprechen, was Gaslighting überhaupt ist

Der Begriff ist einem alten Film entnommen: Ein Ehemann treibt seine Frau gezielt in den Wahnsinn, indem er ihre Realität manipuliert. Daraus sollte man aber nicht schließen, dass es nur Männer sind, die „gaslighten“ – das können Frauen genauso gut. Um den Begriff zu erklären, müssen wir auf (deine) Realität eingehen, so wie du sie erlebst und empfindest, und auf das, was dir dazu von Partner oder Partnerin gesagt wird: Von Gaslighting kann man dann sprechen, wenn die Aussagen deines Partners deine eigene Realität infrage stellen, sie verdrehen, kleinreden, zur Falschaussage abstempeln oder ins Lächerliche ziehen. Die meisten Betroffenen, die mir von erlebtem Gaslighting erzählen, schildern es als etwas, das in jeder Körperzelle zu spüren ist: Der Körper, die Seele, wie immer man es nennen mag, spürt ganz genau, dass das, was der Partner da gerade sagt, der eigenen Realität widerspricht. Aber da ist der Verstand … der eigene Verstand. Und der wird mehr und mehr angezweifelt, bis hin zu dem Gefühl, dass man selbst gerade kurz vorm Durchdrehen ist. Den Verstand verliert?

So ganz typische Gaslighting-Aussagen

Die Liste der typischen Aussagen ist im Grunde endlos lang, man kann sie aber auf folgende Kernaussagen runterbrechen:

  • Du bist ja krank. Vielleicht hast du ihm/ihr gerade gesagt, was dich stört oder was du erwartest, was du gesehen oder gehört hast. Und nun schaut dich dieser Mensch an, als wärst du total gestört. Er gibt nicht zu, was gewesen ist, sondern streitet es ab und du bist natürlich nun der Mensch, mit dem etwas ganz gehörig nicht stimmt.
  • Das bildest du dir ein. Das ist eigentlich nur eine Variante von „du bist ja krank“, aber gehen so psychische Sachen nicht immer damit los, dass man sich Dinge einbildet? Vielleicht sogar Stimmen hört? Wenn du ganz genau weißt, dass irgendetwas so oder so gewesen ist und ein anderer Mensch, der es eigentlich auch wissen müsste, dir sagt, dass du dir das einbildest … beim ersten Mal bist du vielleicht noch sauer. Beim zweiten Mal vielleicht auch. Aber irgendwann fängst du an, an dir zu zweifeln und dich zu fragen ob das, was du siehst und hörst, wirklich passiert.
  • Wie bitte? Das ist nie passiert. Auch das ist eine Variante von „du bist ja krank“ oder „das bildest du dir ein“. Solche Phrasen werden oft noch ergänzend gedroschen, wenn jemand wirklich ernsthaftes Gaslighting betreibt. Je massiver solche Sprüche auf dich eindreschen, je öfter das in unterschiedlichen Zusammenhängen passiert, umso mehr wirst du anzweifeln was du siehst, hörst, erlebst, empfindest.
  • Ich habe nur Spaß gemacht.Dein Partner (oder deine Partnerin) hat gerade etwas gesagt, was dich unangenehm berührt oder sogar zutiefst verletzt hat. Und das vielleicht sogar noch lachend. Möglicherweise wurdest du von ihm/ihr vor anderen bloßgestellt. Und nun wird diese Sache als „Spaß“ hingestellt. Und schon wieder zweifelst du an dir selbst. Alle lachen, nicht nur dein Partner. Und du fühlst dich schlecht. Warum eigentlich? Vielleicht hat er/sie ja recht? Und du verstehst einfach keinen Spaß? Und schon wieder stimmt mit DIR was nicht.
  • Du solltest wirklich mal zum Psychiater gehen. Ein Spruch, der sowohl im Zorn während eines Streits kommen kann, als auch mit besorgter Mine und in freundlichem Ton vorgetragen. Letzteres ist umso beängstigender, aber auch im Streit ist eine solche Aussage ein no-go. Wer so was zu dir sagt, nimmt dich und deine Aussagen nicht ernst, erklärt deine Wahrnehmung für ebenso krank wie dich als ganze Person.
  • Das liegt nur an deinen Depressionen. Und da haben wir sie nochmal in einem anderen Kleidchen, die Aussage, dass du einen mega Schaden hast. Wer in einer dysfunktionalen Beziehung leidet, erkrankt häufig an Depressionen. Depressive Menschen, die den Fehler machen, mit ihrem toxischen Partner über ihre Depressionen zu sprechen, müssen damit rechnen, dass diese künftig als Ausrede vom Partner hergenommen werden. Er/sie macht nämlich alles richtig, aber weil du ja krank im Kopf bist – schließlich hast du ja Depressionen – bekommst du ja alles in den falschen Hals und verdrehst alles. Schon wieder bist du der Mensch, mit dem was nicht stimmt.
  • Du bist ein furchtbar eifersüchtiger Mensch, da war doch gar nichts. Du siehst, was du siehst, aber es wird verdreht. Nein, da war nichts – bekommst du gesagt. Und was du gesehen hast, war nicht nur nicht da, sondern du redest es dir auch noch ein, mit aller Gewalt, weil du so krankhaft eifersüchtig bist. Die Beweise, die du gefunden hast (wahrscheinlich nur zufällig) werden nun verdreht. Dir werden die unmöglichsten Storys aufgetischt und am Ende fühlst du dich schon wieder schlecht, bist schon wieder der Mensch, mit dem was nicht stimmt. Du hast spioniert, du unterstellst ihm/ihr Dinge, die gar nicht da sind. Und du verstummst und fragst dich schon wieder mal, ob du einen Knall hast.
  • Du bist viel zu empfindlich, das war doch gar nicht so schlimm! Eine Aussage, die gerne benutzt wird, wenn man einem Menschen sagt, dass man sich an diesem oder jenem stört, sich verletzt fühlt oder überhaupt … einfach eine Situation klären will, die man als belastend empfindet. Was für dich belastend ist, ist belastend und fertig! Niemand hat das Recht, deine Gefühle mit solchen Pauschalaussagen zu übergehen! Aber … erfolgreiche Gaslighter tun das ständig und es gibt immer ein Gesamtpaket, das dich insgesamt zum Schweigen und Erdulden bringt.
  • Das ist doch schon ewig her, warum regst du dich darüber immer noch auf? Auch eine gerne genutzte Aussage von Gaslightern. Natürlich ist es nicht nett, wenn man Probleme anspricht, die schon ewig her, die man bereits ausreichend besprochen hat – das hat dann ja was von ewigen Vorwürfen, ohne die Verbesserungen, die normalerweise nach solchen Gesprächen kommen sollten, zu würdigen. Aber … Gaslighter besprechen ja nicht wirklich ernsthaft irgendwelche Probleme und die Folge ist, dass sich ungelöste Konflikte zu einem dunklen Turm stapeln. Weil du nie eine Entschuldigung bekommen hast. Weil sich einfach nie irgendwas geändert hat, obwohl du dir echt Mühe gegeben hast mit der Kommunikation. Weil dir vielleicht schon damals, als du es angesprochen hast, gesagt wurde, dass du irre bist.
  • Ich bin ein guter, netter, freundlicher Mensch, das liegt alles an dir. Niemand ist immer nur gut, nett und freundlich. Wenn dir dein Partner oder deine Partnerin erzählen will, wie perfekt und gut er/sie ist, während DU … ja, DU … das kannst du jetzt beliebig ergänzen. Zieh dir diesen Schuh nicht an!

Was da noch so kommen könnte!

Narzisstische Menschen sammeln deine Aussagen, die für sie wertvoll sein könnten, reißen sie in irgendeinem Gespräch um eine völlig andere Situation total aus dem Zusammenhang und erinnern dich daran, dass du ja selbst gesagt hast, dass … was auch immer! Du erinnerst dich dunkel daran, dass du das mal gesagt hast, aber ging es da nicht um eine ganz andere Sache? Und ist das nicht schon ewig her? Das ist ja das Perfide daran, dass du selbst weißt, dass du dies oder das gesagt hast. Und nun kommst du ins grübeln. Überlegst stundenlang, tagelang, ob du ihm/ihr da nicht gerade Unrecht tust, denn du hast das ja wirklich gesagt …

Niemand, der so was nicht erlebt hat, kann sich vorstellen, was das bewirkt, denn es ist ja nicht nur diese eine Sache, in der die Realität völlig verdreht wird. Es sind so viele Dinge und so unglaublich viele Momente, in denen man sich als Betroffener fragt, ob man gerade am Durchdrehen ist.

Und dazu kann es noch vorkommen, dass Sachen verschwinden, an merkwürdigen Orten wieder auftauchen. Du suchst verzweifelt deinen Lieblingspulli und findest ihn schließlich Wochen später in der Altkleidertüte. Hast du natürlich selbst da reingetan. Oder doch nicht?

Ziele und Ergebnisse von Gaslighting

Gaslighting hat immer etwas mit Kontrolle und Macht zu tun. Ein erfolgreicher „Gaslighter“, männlich wie weiblich, macht sich sein eigenes Leben damit bequem. Je mehr Kontrolle ausgeübt werden kann, umso mächtiger und sicherer fühlt sich ein Gaslighter. Und letztlich gelingt es mithilfe von Gaslighting tatsächlich, starke Partnerinnen oder Partner so zu verunsichern, dass diese einfach immer häufiger schweigen, immer mehr Unannehmlichkeiten hinnehmen ohne darüber reden zu wollen. Wenn jedes Gespräch, alles was für den Gaslighter unbequem werden könnte, darin mündet, dass man an sich selbst zweifelt, sich selbst schuldig fühlt, sich schlecht fühlt, immer mehr Angst bekommt, den Verstand zu verlieren, wird man als Betroffener automatisch immer stiller. Wenn alles, was du siehst, hörst und empfindest, heruntergespielt oder ignoriert wird, eigentlich ja angeblich gar nicht passiert ist, wenn alles, was du empfindest nur deswegen so ist, weil mit dir was nicht stimmt – dann wirst du irgendwann früher oder später das Gefühl haben, dass deine Wahrnehmung nicht stimmt.

Gaslighting muss nicht mit offensichtlichem Machtgehabe daherkommen

Es kann sich auch hinter vorgetäuschter Besorgnis verstecken, und das ist dann ganz besonders perfide. In diesem Fall kann man als Betroffener ja gar nicht anders, als dem Partner/der Partnerin zu glauben, dass er/sie es gut meint – und an sich selbst zweifeln. Selbst wenn man mit nahestehenden Menschen darüber spricht, was könnte man ihnen denn erzählen? Dass der Partner total besorgt ist?

Leg dich hin Schatz und ruh dich aus. Ich mache mir wirklich große Sorgen um dich. Hier, ich habe dir einen Tee gekocht. Vielleicht solltest du mal einen Psychiater aufsuchen. Ich glaube, du brauchst Hilfe.“

Erzähl so was mal deiner Mutter. Die wird dann ebenfalls besorgt sein – aber gleichzeitig beruhigt, weil du einen so liebevollen Menschen an deiner Seite hast. Ja, das ist pervers!

Ebenfalls eine beliebte und perverse Methode von Gaslightern ist es auch, sich mit Menschen anzufreunden, die dem Opfer irgendwann mal was Schlimmes angetan haben und abzustreiten, was da gewesen ist. Oder so zu tun als sei es nicht schlimm gewesen. Das ist Hochverrat. In einer Beziehung muss man Solidarität und Loyalität erwarten dürfen.

Gaslighting beinhaltet die schlimmsten psychischen Manipulationsmethoden und daher hat es nichts mit fehlender Intelligenz oder Schwäche zu tun, wenn man Opfer von Gaslighting wird. Es kann jedem passieren. Insgesamt aber schwächt es die Psyche, oft den gesamten Organismus und das Gedankenkarussell kreist um die eigenen, für falsch erklärten Wahrnehmungen.

Aber warum funktioniert das überhaupt so gut?

Diese Frage wurde mir häufig gestellt und ich möchte heute gerne meine Gedanken dazu mitteilen. Es liegt am Opfer selbst – und ich höre jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, schon die wutschnaufenden Schreie von ehemaligen Opfern, die das Wort „Schuldumkehr“ transportieren. Nein, das Opfer ist nicht schuld! Opfer von Gaslighting haben nichts Schlimmes getan, sie haben das Gaslighting weder provoziert, noch begünstigt, noch den Täter einfach gewähren lassen. Sie sind auch nicht dumm oder zu schwach! Ganz im Gegenteil. Sie sind einfach nur (hoffentlich ehemalige) Opfer.

Und dazu wurden sie aus Liebe. Aus dem Vertrauen, das man als argloser Mensch bereit ist, einem Menschen entgegen zu bringen, mit dem man sich verbunden fühlt. Wenn dir das nie passiert ist, du aber davon schon gehört und dich gefragt hast, wie so was eigentlich passieren kann, frag dich mal bitte, wem du mehr glaubst wenn dir jemand etwas sagt oder einen Rat gibt: Jemandem, den du magst? Oder jemanden, der vielleicht kompetent ist, den du aber nicht leiden kannst? Und nun frag dich mal, wie sehr du Menschen glaubst und auf ihren Rat, ihre Aussagen vertraust, die du wirklich liebst?

Und dazu kommen noch Erfahrungen der Vergangenheit

Leider ist das so. Viele Menschen sind mit Botschaften großgezogen worden, die ein späteres Gaslighting begünstigen. Haben Glaubenssätze verinnerlicht, die sie häufig an sich selbst zweifeln lassen. Wer in seinem Elternhaus oft hörte „das bildest du dir nur ein“, hat sich selbst und seine eigene Wahrnehmung möglicherweise schon als Kind häufiger hinterfragt. Wer stets für alles die Schuld in die Schuhe geschoben bekam, sucht den Fehler in der Regel erst mal bei sich selbst – und leider oft NUR dort. Es ist zwar eine tolle Eigenschaft, bei Konflikten erst mal zu schauen, was man selbst dazu beigetragen hat – aber wer viel Gaslighting erlebt hat, wird gar nicht auf die Idee kommen, am anderen zu zweifeln. Man ist es ja gewohnt, an sich selbst zu zweifeln, nicht wahr? Vielleicht sind solche Dinge auch gar nicht im Elternhaus passiert, sondern im Freundeskreis oder in einer vorherigen Partnerschaft. Wir sind immer die Summe unserer Erfahrungen.

Stärke das Vertrauen in deine eigene Wahrnehmung

Du kannst den Menschen, der dir das antut, leider nicht ändern. Aber du kannst an dir selbst arbeiten, dich stärken, dich wappnen. Zu erkennen, dass du Gaslighting ausgesetzt bist, ist schon mal der erste und allerwichtigste Schritt. Aber nicht weniger wichtig ist es, jetzt Strategien zur Stärkung zu entwickeln. Und um ehrlich zu sein: Es gibt in meinen Augen keine Hoffnung für eine solche Beziehung, und sobald du dich gestärkt fühlst, solltest du diesen Menschen verlassen. Umso besser, wenn du das bereits getan hast!

Alles was du siehst oder hörst ist so, wie es für DICH ist – und es ist DEINE Wahrheit. Mach dir klar, dass die für den anderen unbequem sein kann und sie deswegen nicht als Wahrheit anerkannt wird. Und trotzdem ist es WAHR, so wie du es siehst, hörst und fühlst.

Alles was du fühlst, sind DEINE Gefühle auf die du ein Recht hast. Niemand kann dir sagen, wie du dich stattdessen fühlen solltest, denn du fühlst wie du fühlst. Wer dich liebt, respektiert und akzeptiert deine Gefühle und zieht für sich und sein eigenes Verhalten Konsequenzen daraus. Wer dir deine Gefühle ausreden will, hat eigennützige Gründe!

Schreib kritische Situationen auf, führe Tagebuch. Wie hast du dich gefühlt in der Situation? Was wurde dir gesagt? Haben sich deine Empfindungen durch das Gesagte verändert? Wurden deine Gefühle heruntergespielt, Erlebnisse als nicht real dargestellt? Um welche Situation ging es und was ist aus deiner Sicht da passiert? Aufschreiben hilft – denn wir neigen dazu, uns immer wieder viel zu sehr auf die jeweils aktuelle Problemlage zu konzentrieren und vergessen das, was gestern oder letzte Woche passiert ist. Bei Gaslighting und überhaupt bei emotionalem Missbrauch ist immer die aktuelle Situation so schlimm, dass sie alles andere überlagert.

Tu dich mit Menschen zusammen, die dich verstehen. Das müssen nicht unbedingt die Menschen in deinem gewohnten Umfeld sein. Sehr oft sogar stößt man gerade dort auf totales Unverständnis, was damit zusammenhängt, dass echtes Gaslighting eine heftige Sache ist, die Außenstehende, egal wie nahe sie dir stehen, total verunsichert. Wenn du schon die Situation kaum realistisch beurteilen kannst, wie soll es dann jemand können, der dich und deinen Partner zwar gut kennt – aber solche Situationen nicht mitkriegt? Verwandte und gute Freunde haben ein vertrautes Bild, auch wenn es manchmal ein Wunschbild ist, und sind mit solchen Konflikten meist überfordert.

Es gibt Frauenberatungsstellen, regionale und virtuelle Selbsthilfegruppen. Hol dir die Unterstützung, die du brauchst.