Energievampire – loswerden, so schnell es geht!

Da war es wieder, etwas später am Abend, nachdem ich ein längeres Telefonat mit meiner Schwester geführt hatte und gerade vom Rechner aufstehen wollte, um mal etwas zu Abend zu essen: Just in dem Moment, als ich mich erheben wollte, klingelte das Telefon erneut. Am anderen Ende eine weinerliche Stimme, zitterig, deutliche Wortfindungsstörungen. Ein Mensch, zu dem ich schon vor geraumer Zeit auf Abstand gegangen bin, weil ich ihn für einen dieser Energievampire halte. Schon halb aufgestanden, setzte ich mich wieder und dachte: Nun gut, das passt jetzt gerade gar nicht, aber du kannst doch nicht einfach auflegen, wenn es diesem Menschen schlecht geht.

Energievampire – da fühlst du dich schwach und immer schwächer

Doch. Man kann einfach auflegen. Das war so sein Gefühl von „kannst du nicht bringen“, das mich wirklich nur für einen ganz kurzen Moment ansprang. Für Energievampire sollte man einfach nicht mehr verfügbar sein. Vielleicht kennst du auch so jemanden, von dem du nach jedem verdammten Gespräch merkst, dass es dich geschwächt hat. Du guckst auf die Uhr und denkst dir: Toll, zwei Stunden Telefonat, viel geredet, aber eigentlich nichts gesagt. Und um was ging es eigentlich? Weiß man auch irgendwie nicht. Um sie/ihn? Aber irgendwie gab dieser Mensch dir doch während des ganzen Gesprächs das Gefühl, es ginge um dich. Doch war das so? Ich spreche hier von jemandem, den bestimmt vom Typ her jeder kennt, egal ob Mann oder Frau, Energievampire gibt es unter beiden Geschlechtern. Der Mensch, der sich niemals meldet, es sei denn, er will mal quatschen, sich ausheulen, oder er/sie braucht irgendwas von dir. Es wird viel drumherum gequasselt, wenig Rücksicht auf dich selbst und deine Befindlichkeiten genommen, im Grunde werden nur rhetorische Fragen gestellt, um dich bei der Stange zu halten. Wenn du das Gefühl hast, nach dem Gespräch mit einem bestimmten Menschen fix und fertig zu sein, solltest du mal drüber nachdenken, ob du es mit einem Energievampir zu tun hast. Es sind Menschen, die du aus irgendeinem Grund in deinem Freundeskreis einordnest. Menschen, die eigentlich keine Freunde sind. Wenn es dir mal so geht wie mir an diesem Abend und du anfängst zu hinterfragen, schüttelst du vielleicht nur noch den Kopf und fragst dich: Und warum habe ich jetzt trotzdem ein schlechtes Gewissen? Ja, das können sie, die Energievampire, anderen Menschen das Gefühl von Verantwortung aufbürden. Von Verpflichtung. Von einem „du musst jetzt für mich da sein.“

Wahre Freunde sind Energiespender

Ich schaue mich also in meinem Freundeskreis um und stelle fest: Die Menschen, mit denen ich dann tatsächlich solche Feste wie meinen Geburtstag feiere, Silvester, deren Geburtstage, oder mit denen ich mich einfach mal treffe, die mich besuchen, die ich besuche … das sind alles Menschen, über die ich mich freue, wenn ich sie sehen kann. Nach zwei bis fünf Stunden endloser Quasselei und unzähligen Tassen Kaffee dazu fährt man beschwingt nach Hause und stellt fest: Wahre Freundschaft heißt nicht, dass man sich ständig sehen muss. Wahre Freundschaft heißt, es geht mir gut, wenn ich mit diesem Menschen zusammen bin. Sie geben mir Kraft. Man spricht immer von diesen Menschen, die man mitten in der Nacht anrufen kann, wenn es einem schlecht geht, und die sofort da sind. Ich habe solche Menschen in meinem Freundeskreis und das macht mich verdammt glücklich. Das sind diese Menschen, die keine blöden Fragen stellen, wenn ich anrufe und mein Problem schildere. Die unterbrechen mich nach zwei Sätzen und sagen Dinge wie: „Was kann ich für dich tun? Wie kann ich dir helfen? Was brauchst du? Komm vorbei! Koch mal Kaffee, ich bin in fünf Minuten da!“ Menschen, bei denen man selbst auch keine Fragen stellt, wenn sie mitten in der Nacht anrufen und sagen: „Ich brauche dich. Bitte komm vorbei!“ Da setzt man sich ins Auto und fährt hin. Menschen, die so einen Anruf aber dann machen, wenn es ihnen richtig mies geht, denn es sind wirkliche Freunde, und deswegen geht es nicht um Drama und Aufmerksamkeit, sondern um Qualität. Da nimmt man auch Rücksicht aufeinander und veranstaltet keine energiefressenden Dramen, um die eigene Langeweile zu überbrücken oder Aufmerksamkeit zu bekommen. Diese wahren Freundschaften werden einem aber auch nicht in den Schoß gelegt. Man lernt Menschen kennen, man sitzt zusammen, führt Gespräche, und letztlich zeigt es sich mit der Zeit, ob man jemanden zu einem wirklichen Freund erklären kann.

Energievampire wollen nur Aufmerksamkeit

Wirklich abartig daran ist allerdings, dass Energievampire – bewusst oder unbewusst – natürlich erst einmal Interesse wecken müssen, damit man sich überhaupt näher mit ihnen beschäftigt. Das sind Dinge, die sich über Monate aufbauen, manchmal sogar über Jahre. Da niemand einen Stempel auf der Stirn trägt, der ihn zum Energievampir erklärt, kann man nur eines tun: Sehr aufmerksam sein, intensiv auf seinen Bauch hören und auf die eigenen Gefühle. Von Anfang an. Wie geht es mir nach einem Gespräch mit diesem bestimmten Menschen? Habe ich das Gefühl von Qualität? Habe ich mich wohl gefühlt? Oder bin ich hinterher irgendwie fix und fertig, und zwar ohne erkennbaren Grund? Was tue ich für diesen Menschen und merke es vielleicht nicht mal? Und was tut dieser Mensch für mich? Hat dieser Mensch jemals etwas für mich getan? Oder tut er/sie nur so? Was würde ich eigentlich genau verlieren, wenn ich nie wieder was mit diesem Menschen zu tun hätte? Das mag nun lächerlich klingen, aber Energievampire sind immer sehr manipulativ, und sie können dir durchaus das Gefühl geben, dass sie sich für dich interessieren, für das was dich bewegt, dass du wertvoll für sie bist. Meist merkst du erst nach einiger Zeit, dass dein Seelenleben, dein Fortkommen, deine Energie, deine Ressourcen, ob nun zeitlich oder persönlich, sie einen Scheißdreck interessieren. Es geht immer nur um sie. Sie wollen Zeit totschlagen und du sollst sie jetzt unterhalten. Sie haben Kummer, und du sollst dir den jetzt anhören. Sie brauchen Informationen, die sie sich ganz schnell selbst ergoogeln könnten, aber es ist ja bequemer dich anzurufen und sich das erklären zu lassen. Vielleicht brauchen sie diese Infos nicht mal wirklich. Bei meinem letzten Blutsauger hatte ich nach einigen Gesprächen das Gefühl, dass er Gründe suchte, um mich im Gespräch zu halten oder überhaupt erst einmal ins Gespräch zu kommen. Auch so eine Sache: Energievampire kennen deine Fachkenntnisse und deine Fähigkeiten. Auf die ist jeder Mensch einigermaßen stolz, also lassen sich die meisten dort auch  gerne packen. Es tut ja auch irgendwie gut, wenn da jemand ist, der deine Kompetenz zu schätzen weiß, nicht wahr?

Der letzte Vampir, der mich auszusaugen versuchte

Ach, es gab schon mehrere in meinem Leben. Man identifiziert sie irgendwann als das, was sie sind und bricht den Kontakt ab. Es war jemand, der sich „Freund“ nannte. Der immer wieder an unsere „Freundschaft“ appellierte, wenn er sich denn mal alle paar Wochen meldete. Meist telefonisch. Sicher, ich hätte ihn auch anrufen können, habe ich nicht getan. Wobei das nicht so ganz stimmt. In den ersten Monaten, nachdem ich ihn kennengelernt hatte, habe ich öfter mit ihm telefoniert, ihn auch besucht. Mehrere Einladungen ausgesprochen, die er dann entweder gar nicht oder kurz vorher abgesagt hat, auf jeden Fall ist er nie erschienen. Und da sitzt du dann und isst den Kuchen eben selbst, den du gebacken hast. Beim dritten Mal backst du keinen Kuchen mehr, sondern denkst dir schon so was wie: „Sollte er wider Erwarten doch auftauchen, kann ich ja schnell ein paar Waffeln machen.“ Eine vierte Einladung habe ich nicht mehr ausgesprochen. Dieser Mensch ruft dich dann irgendwann an und erzählt dir die wildesten Geschichten, um sich herauszureden, weil er nicht kommen kann oder dich letzte Woche versetzt hat, als ihr verabredet gewesen seid. Du merkst, dass er lügt wie gedruckt, was er da erzählt, kann überhaupt nicht sein, aber da trifft sie dich, die Faszination des Grauens: Es ist wie bei einem Unfall, du willst nicht hinschauen, aber du tust es, wortlos. In diesem Fall Energievampir hörst du dir die dümmsten Lügengeschichten an und weißt, dass sie genau das sind und dass du hier gerade mächtig verschaukelt wirst – aber du sagst nichts. Warum? Ich habe keine Ahnung. Energievampire sind so manipulativ, dass du nicht mehr so tickst, wie es eigentlich deiner Persönlichkeit entspricht. Bei diesem Menschen, von dem ich spreche, hatte ich hundertmal das Gefühl, ihn fragen zu müssen, ob er mich eigentlich für doof hält. Aber er hat es immer wieder geschafft, dass ich diese Frage heruntergeschluckt habe. Und da man Dinge immer nur im Rückblick versteht, kann ich heute dazu sagen: Das war übelste Manipulation. Diesem Menschen ging es nämlich immer sehr, sehr schlecht, aus dem einen oder anderen Grund. Das heißt, unsere ganzen Gespräche gingen schon damit los, dass mir verdeutlicht wurde, dass es diesem Menschen nicht gut geht. Das funktioniert immer, denn man verhält sich automatisch rücksichtsvoll. Es funktioniert jedenfalls solange, bis du die Masche durchschaut hast.

Okay, Einladungen funktionieren nicht. Vielleicht klappen ja Verabredungen außerhalb? Der Energievampir, von dem ich rede, hat sich mehrfach mit mir verabredet, essen gehen wollten wir. Und da saß ich dann, Samstags Abends, gestriegelt und geschniegelt und freute mich auf ein Steak. Aber fünf Minuten bevor ich das Haus verlassen wollte, kam dann der Anruf oder die E-Mail oder die Whatsapp-Nachricht: „Sorry, das wird heute nichts.“ Und wieder hörte ich die beklopptesten Ausreden, eine Lügengeschichte, die sich tatsächlich zeitlich über ganze zehn Minuten zog. Fazit, drei Einladungen zu mir nach Hause, nicht erschienen. Drei Verabredungen außerhalb, was unternehmen, netter Mädelsabend … nicht erschienen. Bei der letzten Verabredung saß ich übrigens eine halbe Stunde vorher noch in Joggingklamotten zu Hause und genoss eine Folge meiner damaligen Lieblingsserie. Ich wusste schon, dass die Verabredung wieder platzt und habe schon gar nicht mehr eingesehen, mich ausgehfein zu machen. Eine Absage, wieder völlig lächerliche Ausreden. Dann monatelang nicht gemeldet. Beim nächsten Anruf: Der nächste Kummer. Es gab immer irgendwas, was diesem Menschen Kummer gemacht hat. Immer Gründe, warum dieser Mensch ganz normale Dinge nicht leisten konnte. Es gab immer Ausreden für nicht eingehaltene Verabredungen. Eine vierte Verabredung gab es dann allerdings auch nicht mehr, sondern nur noch diese überfallartigen Telefonate alle paar Wochen – oder Monate.

Aber irgendwie halten sie sich … bis du selbst den Schlussstrich ziehst

Und wie hat mich dieser Energievampir bei der Stange gehalten? Nun, genau mit solchen Dingen. Der Kummer, der ihn gerade bewegte und der so erschütternd war, dass einem gleich das Maul gestopft wurde und man voller Aufmerksamkeit war für diesen Menschen am anderen Ende, der doch so dringend jemanden zum reden brauchte. Durch Versprechungen, Dinge, die mir wichtig waren, zu unterstützen – und nach zwei Stunden Telefonat, in dem es dann eigentlich doch wieder nur um die Belange des Vampirs ging, wieder dieses Gefühl endloser Erschöpfung. Und das Feststellen Wochen später, dass die versprochene Unterstützung in dieser einen Sache, die doch nun mal für mich so wichtig gewesen wäre, gar nicht erfolgt ist. Auch das ist mehrfach vorgekommen. Beim nächsten Anruf noch mal daran erinnert. „Ach!“, wurde da geflucht. „Das tut mir leid, habe ich irgenwie verschusselt! Mache ich aber jetzt sofort, wenn wir aufgelegt haben!“ Ist dann aber auch nie passiert.

Einmal ging es um einen Job, der mir wirklich viel bedeutet hätte, und darum, dass diese Person dort einen wichtigen Kontakt hatte, und zwar den zum Entscheider. Ich wurde also beschäftigt, sollte eine Bewerbung schreiben, die wahrscheinlich niemals dort gelandet ist. Aber während der angeblichen Bewerbungsphase wurde ich wöchentlich mit längeren Gesprächen durch diese Person beschäftigt, die mir offenbar tolle, kreative Ideen aus der Nase ziehen wollte. Die ich übrigens zu Hauf hatte, aber an diesem Punkt sagte ich ganz deutlich „nein“. Nicht vorab, nicht gratis und vor allem wollte ich so was nicht mit dieser Person besprechen, sondern wenn überhaupt, dann mit dem Entscheider. Den ich nie kennengelernt habe, von dem ich aber später erfuhr, dass es die offerierte Stelle („psst, weiß keiner, aber ich kenne den ja, also schieb mal deine Bewerbung rüber …“) niemals gab.

Es folgte der nächste Kummer, das nächste Telefonat. Die Person, die er liebte, die war ja soooooo gemein. Und so ein Psycho! Mehr als zwei Stunden Telefonat, in denen dieser Mensch sich fassungslos zeigte, die Welt nicht mehr verstand, und kein gutes Wort für diesen Menschen übrig hatte. Kaum legten wir auf und ich scrollte mich durch Facebook, prangte eine Liebeserklärung an seiner Pinwand, für genau diese Person, von der mir doch gerade eben noch zwei Stunden lang erzählt hatte, sie sei ein Psycho. Aufgelegt, zwei Minuten später die Liebeserklärung gepostet. Och nö … Das habe ich übrigens mehrfach erlebt in den vergangenen Jahren.

Mit solchen Dingen halten Energievampire dich bei der Stange. Sie geben dir das Gefühl, dass du für sie total wichtig bist, dass ihnen deine Meinung wichtig ist, sie deinen Rat brauchen, aber genau das ist der Punkt: Sie lügen wie gedruckt, und sie nutzen alle Kanäle. Am Ende geht es nur um sie selbst. DAS habe ich persönlich nie herausgefunden, ob solche Menschen ihre „Opfer“ (ich mag das Wort überhaupt nicht) für bescheuert halten oder sich selbst für ungeheuer grandios. Jedenfalls kriegst du Lügen aufs Brot geschmiert, die an Blödheit kaum zu übertreffen sind, aber wehe, du sagst ihnen, dass das doch glatt gelogen ist, was sie dir da gerade weismachen wollen: Dann kommt die nächste blöde Lügengeschichte, die die vorherige noch untermauert, und du kriegst ein schlechtes Gewissen gemacht, weil dieser Mensch sich fühlt, als müsse er sich nun bei dir rechtfertigen. Energievampire schmeicheln dir, sie umgarnen dich, selbst in einer ganz normalen Freundschaft. Sie geben dir das Gefühl, dich zu brauchen, deinen Rat, deine Kompetenz, dein Mitgefühl.

Was genau wollen die eigentlich von dir?

Gute Frage, das ist total unterschiedlich. Tatsache ist, sie ziehen deine Energie, indem sie etwas von dir bekommen, was sie von anderen Menschen nicht bekommen können. Du überbrückst ihre Langeweile, gibst ihnen das Gefühl, dass sie jemand Besonderes sind, tolle Dinge geleistet haben, heldenhaftes Verhalten an den Tag gelegt haben. Sie wollen deine Zeit, deine Aufmerksamkeit, deine Bewunderung, dein Mitgefühl. Schon alleine die Tatsache, dass sie dich dazu bringen können, alles zu unterbrechen, womit du gerade beschäftigt warst, weil sie dich jetzt brauchen, gibt ihnen ganz viel Energie. Und die saugen sie von dir. Denn du … du fühlst dich immer schwächer, je länger, öfter und intensiver du mit diesen Personen umgehst. Du kannst aber ganz locker davon ausgehen, dass diese Menschen, sobald sie sich von dir verabschieden, sich voller Energie und fröhlich pfeifend in das stürzen, was ihnen eigentlich wichtig ist. Und das kann übrigens genau das Gegenteil von dem sein, was sie dir gerade stundenlang von sich erklärt haben.

Wie wird man Energievampire los?

Energievampire sind wie ein Bumerang. Sie kommen immer wieder, und sie kommen vor allem nur dann, wenn SIE etwas brauchen. Ob du nun nur jemand bist, der ihre Langeweile überbrückt oder jemand, der ihnen das Gefühl gibt, dass sie im Recht sind in irgendeiner Sache, sie bemitleidet, sie toll findet, ihre Pläne klasse findet oder sich einfach nur ihr Gejammer und ihre Ausreden für die Unfähigkeit auf allen Ebenen anhört – du wirst dann heimgesucht, wenn der Vampir dich braucht. Und du brauchst ganz sicher nicht damit zu rechnen, dass der Energievampir irgendwann mal irgendwas für dich tut. Wenn es dir selbst mal schlecht geht und du wählst diese Nummer, hat dieser Mensch keine Zeit, muss gleich weg oder geht erst gar nicht ans Telefon.

Emotionale Erpressung muss man erkennen, und das dauert manchmal etwas länger. Aber bei Energievampiren ist sie an der Tagesordnung. Schon zu Beginn des Gesprächs wird dir deutlich gemacht, dass es diesem Menschen heute ganz besonders schlecht geht. Damit lenken sie dein Interesse auf ihre eigenen Angelegenheiten und geben dir gleichzeitig das Gefühl, dass du sie nicht abblocken kannst, denn es geht ihnen ja schlecht. Egal was du gerade tust, du musst jetzt damit aufhören und dem Vampir zur Verfügung stehen. Wenn diese erzwungene Unterbrechung deiner bisherigen Tätigkeit für dich Folgen hat, auf die du sogar aufmerksam machst, kann das einen Energievampir nicht beeindrucken. Es tut ihm zwar leid – sagt er – aber du musst jetzt trotzdem … jetzt, jetzt, jetzt.

Und so wirst du sie los: Du stehst einfach nicht mehr zur Verfügung, basta. Mein Energievampir war unglaublich gut darin, mir fachliche Fragen zu stellen, um ein Gespräch überhaupt einzuleiten und mich dazu zu bringen, das, was ich bis eben getan hatte, erst mal beiseite zu schieben. Als ich irgendwann mal sagte: „Du, ich kann dir das schon erklären, aber ich musste mir das alles über Jahre hinweg selbst erarbeiten. Du kannst das googeln und findest alle Infos, die du für deine Zwecke brauchst“, wurde es nur noch ein einziges Mal versucht. Aber auch da sagte ich: „Bemühe bitte einfach Doktor Google, ich habe dafür jetzt wirklich keine Zeit.“ Ich gebe zu, ich hatte das Spiel „Energievampirismus“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchschaut, aber nachträglich wird mir bewusst, dass diese Person bei mir genau zwei Punkte fand, an die sie andocken konnte: Meine Fachkenntnisse. Und meine Schuldgefühle. Meine Fachkenntnisse stellte ich nicht mehr zur Verfügung. Also blieben nur noch die Schuldgefühle. Ich bin ein hilfsbereiter Mensch und ich kann nicht an Menschen vorbeischauen, denen es schlecht geht. Normalerweise. Wenn ich aber merke, dass das ausgenutzt wird, werde ich echt sauer.

Dein größter Feind ist gar nicht der Energievampir selbst, sondern all die Dinge, mit denen er bei dir andocken kann, und unter anderem sind das Dinge wie deine Hilfsbereitschaft oder deine eigenen Schuldgefühle. Die sind aber gleichzeitig auch ein wichtiger Indikator, denn sie zeigen dir deutlich, dass es hier nicht um wirkliche Beziehungsarbeit geht, um eine ehrliche Freundschaft oder was auch immer, und schon gar nicht um dich. Nein, du bist ein guter Mensch, der für andere da sein möchte. Der Energievampir spürt das schon zu Beginn und packt dich genau an dieser Stelle. Wie kannst du auflegen, wenn er dir doch gerade eben schon im ersten Satz am Telefon sagte, wie schlecht es ihm geht? Wie kannst du auflegen, wenn da eine Hiobsbotschaft kommt (von der du nicht mal sagen kannst, ob das überhaupt der Wahrheit entspricht bei all den Lügengeschichten, die du von dieser Person schon gehört hast)? Wie kannst du bei dieser zitternden Stimme auflegen, wo dieser Mensch kaum Worte findet, um dir sein unermessliches Leid klar zu machen? Wie kannst du da einfach egoistisch sein und daran denken, dass du eigentlich gerade Feierabend machen und zu Abend essen wolltest?

Du kannst. Wahre Freunde verursachen dir niemals Schuldgefühle, selbst wenn du sie monatelang nicht mehr gesehen oder gesprochen hast. Sie sind einfach da und die Zeit, die du mit ihnen verbringst, tut dir gut.

Ich stehe für Energievampire nicht mehr zur Verfügung. Sobald sie identifiziert sind, habe ich keine Zeit mehr für sie. Punkt.

Bild: pixabay.de

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