Das Verdrehen der Schuld – Täterintrojekte

Das Verdrehen der Schuld – ein großes Thema, wenn wir über Narzissmus sprechen. Narzissten sind nämlich niemals an irgendetwas schuld. Was sie getan haben, das taten sie nur, weil es einen Anlass dafür gab. Und leider ist es so, dass sie es, wenn sie rhetorisch auch noch einigermaßen begabt sind, immer irgendwie schaffen, dass du dich schuldig fühlst, obwohl du gar nichts getan hast. Das Verdrehen der Schuld mag ein Thema sein, über das man ruhig mal einzeln sprechen kann, aber es hängt natürlich mit anderen Themen zusammen: Eine Schuldumkehr gehört nämlich zur Verdrehung der Realität und fällt streng genommen schon wieder unter „Gaslighting“. Wo ein Opfer die Denk- und Handlungsweise seines Täters annimmt, spricht man übrigens von „Täterintrojekten“. 

„Ich habe das nur getan, weil …

… du mich so aufgeregt hast.“ Das kennen viele Betroffene. Wer so etwas noch nie erlebt hat, wird kaum verstehen, was da eigentlich passiert, und man muss die Vorkommnisse einfach im Kontext der Lebenssituation und auch der Häufigkeit sehen. Wenn es dir einmalig oder nur gelegentlich passiert, dass die Frage nach der Schuld umgekehrt wird, wirst du wahrscheinlich relativ resistent sein. Möglicherweise regst du dich sogar noch heftig auf, weil du genau weißt, dass du an der Sache gar nicht schuld warst. Du kannst es einordnen. Ich ziehe mal ein Beispiel vom Arbeitsplatz heran. Da wurde eine Datei gelöscht. Du weißt ganz genau, dass du diese Datei ganz sicher nicht gelöscht hast. Aber dein Kollege oder deine Kollegin ist in solchen Dingen manchmal ein bisschen dusselig und du weißt, das passiert schon mal, dass da versehentlich was gelöscht wird. Nun sagt der Kollege: „Ja, ich habe die Datei gelöscht, aber nur weil du sagtest, die brauchen wir nicht mehr.“ Nun, ich nehme an, dass du in solchen Fällen ganz genau weißt, dass du das niemals gesagt hast. Du wirst dich wahrscheinlich ärgern, weil du ganz genau siehst, dass der Kollege sich herausreden will. Schwierig sind solche Situationen aber, wenn sie ständig vorkommen. Und wenn uns das irgendwo passiert, wo es um Gefühle geht, um Nähe, um Vertrauen. Zum Beispiel in der Beziehung.

Entschuldigungen und Relativierungen

Mal ehrlich, nicht alles, was wir tun, ist nett. Wir alle tun mal etwas, was wir selbst nachträglich nicht so toll finden – oder sagen etwas zu jemandem, das extrem verletzend ist. Und dann haben wir natürlich einen Grund gehabt, so zu handeln. Jemand hat uns extrem verletzt, wir verletzen diese Person dann im Gegenzug auch. Das ist nicht nett. Ein reifer Mensch mit Lebenserfahrung, der sozusagen in seiner Mitte ist, wird sich entschuldigen und nicht auf den Grund hinweisen, der ihn dazu gebracht hat, so zu handeln. Wenn mich mein Partner also in einem Streit als „blöde Kuh“ bezeichnet hat und ich ihm in meinem Zorn Abführmittel in sein Abendessen getan hat, ist das sicher schlimmer als die Bezeichnung als blöde Kuh. Und theoretisch muss ich mich schämen, wenn ich so was mache. Wenn mit mir diesbezüglich alles stimmt, kann ich mich kaum damit rausreden, dass er mich eine blöde Kuh genannt hat. Sich dafür zu entschuldigen, wäre seine Aufgabe. Meine Schuld aber zu relativieren, indem ich darauf hinweise, dass ich nur so gehandelt habe, weil er mich mit der „blöden Kuh“ verletzt hat – das ist unangemessen. Es lässt seine Schuld größer erscheinen und meine kleiner.

Schauen wir mal beim Thema Gewalt näher hin

Im letzten Abschnitt habe ich ein ganz profanes Beispiel gebracht. Aber eigentlich möchte ich auf etwas ganz anderes heraus, nämlich auf Gewalt, ob nun psychisch oder physisch. Nachdem ich nun schon seit so langer Zeit mit vielen Betroffenen spreche, könnte ich sehr viel über Misshandlungen erzählen. Es müssen nicht immer Prügel sein, obwohl das häufig vorkommt. Viel häufiger kommen noch die Misshandlungen vor, die erst einmal gar nicht so eingeordnet werden. Schweigen und Ignorieren des Partners, teilweise über Tage. Passiv-aggressives Verhalten, um den Partner in irgendeiner Form zu bestrafen. Übelste Beschimpfungen, weit über die „blöde Kuh“ hinaus. Schwerste Verletzungen, die Menschen einem anderen Menschen zufügen. Nicht alles kann man entschuldigen. Aber alles sollte genau hinterfragt werden, und zwar vom Täter selbst. Narzissten aber tun das nicht. Narzissten relativieren die Verletzungen, die sie anderen Menschen zugefügt haben, indem sie Begründungen finden. Sie haben nur zugeschlagen, weil die Partnerin dies oder jenes getan hat. Sie haben nur tagelang ignoriert und geschwiegen, weil der Partner oder die Partnerin dies  oder das gesagt hat.

Und die betroffenen Partner?

Das ist ja das Problem. Wenn ein Narzisst rhetorisch  richtig gut ist, schafft er es mit solchen Relativierungen ziemlich gut, die Schuld umzukehren. Und das erklärt auch, warum geschlagene Frauen bei ihren Schlägern bleiben. Sie fühlen sich schuldig, weil der Täter sie klein gemacht hat, sie klein hält und ihnen gleichzeitig klar gemacht hat, dass er niemals zugeschlagen hätte, wenn das Opfer nicht vorher einen schlimmen Fehler gemacht hätte. Der schlimme Fehler ist dann meistens völlig an den Haaren herbeigezogen. Betroffene Frauen (ja, ich weiß, es gibt auch geschlagene Männer) sagen dann oft so was wie: „Ach, ich war doch selbst schuld, ich weiß doch, dass es ihn auf die Palme bringt, wenn …“ Ich komme noch mal auf den Begriff „Täterintrojekte“ zurück: Die misshandelten Partner haben sich die Gefühle und Handlungsweisen ihres Täters durch eben solche Handlungen und das Verdrehen von Schuld und Realität so verinnerlicht, dass sie davon überzeugt sind, die Misshandlungen zu verdienen.

Es gibt nichts, das Misshandlungen relativieren würde

Wirklich nichts. Es passiert dem allerbesten und charakterfestesten Menschen einmal, dass er einen anderen Menschen durch irgendwas verletzt. Aber das ist ja der Punkt – ein solcher Mensch denkt dann über das nach, was er selbst falsch gemacht hat und sucht nicht krampfhaft nach abstrakten Begründungen für sein Fehlverhalten. Ein Mensch, der respektvoll mit anderen Menschen umgeht, wird sich schlecht fühlen,  weil er etwas falsch gemacht hat, um Verzeihung bitten und möglicherweise sogar eine Entschuldigung seines Gegenübers bekommen, weil auch dieses weiß, dass es sich nicht richtig verhalten hat. Aber was der eine getan hat, macht das, was der andere getan hat, nicht besser. Und … die eigene Schuld kann nicht durch durch Gründe relativiert werden. „Gründe“ sind keine Erklärung. Schon gar nicht bei echter Gewalt.

Die Umkehr der Schuld

Gewalttätige Partner – und Narzissten sind immer auf die eine oder andere Art gewalttätig – finden immer Gründe für ihr Verhalten. Sie halten sich auch für dem anderen überlegen, für wertvoller. Daher sehen sie es als ihr natürliches Recht an, den Partner oder die Partnerin für irgendwelche Vergehen zu bestrafen. Umgekehrt sind die Opfer dieser Bestrafungen meist Menschen mit einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl. Menschen, die nie gelernt haben, anderen Menschen Grenzen zu setzen. Menschen, die sich selbst häufig für wertloser halten als ihr Gegenüber. Deswegen klappt das auch so gut mit der Umkehr der Schuld. Die verprügelte Frau nimmt sich dann vor, nie wieder etwas zu sagen, was ihren Partner so ausrasten lässt. Der Mann, der einfach nur schlecht behandelt wird, nimmt sich vor, sich in Zukunft noch mehr Mühe zu geben, lieb und nett zu sein. Grundsätzlich sind es die Opfer von Gewalt, die sich vornehmen, sich in Zukunft freundlicher, liebevoller, netter zu verhalten, damit sie dem anderen nie wieder einen Anlass zum Ausrasten geben.

Da stimmt doch was nicht, oder?

Sogar ganz gewaltig stimmt da was nicht. Wenn so was in deinem Leben passiert, hinterfrage nicht dein eigenes Fehlverhalten. Hinterfrage das deines Partners oder deiner Partnerin. Niemand steht über dir. Niemand ist wertvoller als du. Niemand hat das Recht, dich zu bestrafen. Niemand hat das Recht, dich zu maßregeln. Niemand hat das Recht, den Partner oder die Partnerin zu misshandeln. Natürlich ist Selbstreflektion etwas sehr Wichtiges und immer, wirklich immer, sollte man darüber nachdenken, was man selbst dazu beigetragen hat, wenn eine Situation schwierig wird. Aber nicht, wenn es um Misshandlungen geht. Es gibt nichts, was DAS rechtfertigen und als Begründung dienen könnte. Nichts!

Bild: pixabay.com

 

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